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Später dialysepflichtig

SGLT-2-Hemmer und der Nierenschutz

Die Evidenz, dass Arzneistoffe aus der Gruppe der SGLT-2-Hemmer das Fortschreiten einer Nierenerkrankung bremsen können, wird immer größer. Zwei weitere Studien lieferten positive Ergebnisse.
Sven Siebenand
03.09.2020  15:01 Uhr

SGLT-2-Hemmer sind vor allem aus der Typ-2-Diabetestherapie bekannt. Sie hemmen den Natrium-Glucose-Cotransporter-2 (SGLT2). Dadurch wird die Rückresorption des Zuckers in den Nierentubuli unterbunden und der Zucker mit dem Urin ausgeschieden. Die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) äußert sich nun zum Nutzen dieser Arzneistoffe bei Nierenpatienten.

Bereits vor einigen Jahren gab es erste Hinweise auf nephroprotektive Effekte, als die EMPA-REG OUTCOME- Studie zeigte, dass der SGLT-2-Inhibitor Empagliflozin das renale Outcome von Diabetikern verbessern kann. Damals blieben aber noch einige Fragen offen. Handelt es sich um einen Substanz- oder einen Klasseneffekt? Profitieren auch Nierenpatienten ohne Diabetes? Mittlerweile erhärtet sich die Evidenz, dass es sich sehr wohl um einen Klasseneffekt handelt und dass auch Nicht-Diabetiker mit Nierenerkrankungen profitieren. Im Rahmen des europäischen Kardiologenkongresses wurden nun die Ergebnisse von zwei Phase-III-Studien veröffentlicht. Diese könnten laut DGfN wegweisend für Patienten mit chronischer Nierenkrankheit (CKD) sein.

In der DAPA-CKD-Studie waren 4304 Nierenpatienten randomisiert worden, gut zwei Drittel davon Diabetiker. Die Teilnehmer erhielten entweder Dapagliflozin oder Placebo – jeweils zusätzlich zur ihrer bisherigen CKD-Medikation, etwa einem ACE-Hemmer oder einem Sartan. Der primäre Endpunkt war ein kombinierter, bestehend aus einer über 50-prozentigen Abnahme der glomerulären Filtrationsrate (GFR), terminaler Niereninsuffizienz oder Tod aufgrund renaler oder kardiovaskulärer Ursachen. Im Studienverlauf traten 197 Ereignisse in der Dapagliflozin-Gruppe und 312 Ereignisse unter Placebo auf, der Unterschied war somit hochsignifikant. Der Therapienutzen war bei Patienten ohne Diabetes mellitus ebenso hoch wie bei Diabetikern.

Die EMPEROR-Reduced-Studie mit Empagliflozin umfasste 3730 Patienten mit Herzinsuffizienz und untersuchte im sekundären Endpunkt auch renale Parameter. Die Ergebnisse weisen auch in dieser Studie auf einen klaren Therapievorteil durch den SGLT2-Inhibitor hin: Die jährliche Rate des Nierenfunktionsverlusts war in der Verumgruppe deutlich geringer als unter Placebo. Zu erwähnen ist ferner, dass in der laufenden EMPA-KIDNEY-Studie die Wirkung von Empagliflozin auf das Fortschreiten einer Nierenerkrankung und das Auftreten des kardiovaskulären Todes bei Erwachsenen mit bestehender chronischer Nierenerkrankung mit und ohne Diabetes untersucht wird. Ergebnisse dieser Studie werden für 2022 erwartet.  Und auch die beiden anderen bei Typ-2-Diabetes zugelassenen Gliflozine, Canagliflozin und Ertugliflozin, haben bereits renoprotektive Eigenschaften in Untersuchungen zeigen können.

Die aktuellen Studienergebnisse sprechen dafür, SGLT2-Inhibitoren in die Standardtherapie von CKD-Patienten zu implementieren, um die Progression zu verlangsamen und das Stadium der terminalen Niereninsuffizienz hinauszuzögern, so Professor Dr. Julia Weinmann-Menke, Pressesprecherin der DGfN. Man habe nun eine weitere Substanzklasse, um CKD-Patienten möglichst lange vor der Dialyse zu bewahren.

Die Medizinerin erklärt im Gespräch mit der PZ, wie es dazu kommt, dass Gliflozine einen Nierenschutz bieten. Wie bei anderen RAAS-Inbitoren, etwa ACE-Hemmern, sei es vermutlich so, dass die SGLT-2-Hemmer den glomerulären Filtrationsdruck senken. Momentan wäre der Einsatz eines Gliflozins bei CKD-Patienten nur im Rahmen von Studien oder als Off-Label-Use möglich. Weinmann-Menke erwartet jedoch, dass es schon im kommenden Jahr zu Zulassungserweiterungen kommen wird und es damit auch neue Angaben in Fachinformationen geben wird. Bisher sollte die Behandlung unterhalb einer bestimmten glomerulären Filtrationsrate nicht starten beziehungsweise beendet werden. Diese Grenze wird deutlich sinken, so Weinmann-Menkes Prognose.

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