| Christina Hohmann-Jeddi |
| 14.08.2026 10:30 Uhr |
Gern schnell und ohne Helm unterwegs: E-Roller-Fahrer haben ein besonders hohes Risiko für schwere Kopfverletzungen. / © Getty Images/Petko Ninov
16.496 E-Scooter-Unfälle mit Personenschaden registrierte die Polizei nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2025 – ein Anstieg von 38,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Besonders häufig kommt es dabei zu Verletzungen im Kopf- und Gesichtsbereich. Darüber informiert die Deutsche Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (DGMKG) in einer Mitteilung.
Eine Auswertung des BG Klinikums Unfallkrankenhaus Berlin aus den Jahren 2020 bis 2024 zeige, dass rund 40 Prozent der Verletzungen bei E-Scooter-Unfällen den Kopf und das Gesicht betreffen. »Gerade im Bereich der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie behandeln wir nach E-Scooter-Unfällen regelmäßig komplexe Verletzungsmuster«, erklärt Privatdozent Dr. Björn Riecke vom BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin.
»Besonders häufig sehen wir Unterkieferfrakturen – darunter sind häufig Kiefergelenkfrakturen wie mehrfragmentäre Gelenkköpfchenfrakturen und Gelenkhalsfrakturen. Auch beidseitige Mittelgesichtsfrakturen, Zahnfrakturen sowie Riss-Quetsch-Wunden kommen oft vor.« Männer im Alter von 20 bis 40 Jahren verunfallen am häufigsten.
Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch eine aktuelle Analyse aus Unfallkliniken in England, die von 500 E-Roller-Unfällen bei Kindern und Jugendlichen und 59 Todesfällen in den Jahren 2019 bis Ende 2024 berichtet. Der im »Emergency Medicine Journal« erschienenen Arbeit zufolge traten Verletzungen an Gliedmaßen (36 bis 40 Prozent) am häufigsten auf, gefolgt von Kopf (24 Prozent) und Gesicht (19 Prozent). Nur 2 Prozent der Kinder und Jugendlichen trugen einen Helm.
Dass eine Helmpflicht nicht überzogen wäre, zeigt auch eine weitere aktuelle Studie aus Großbritannien, die im Journal »Scientific Reports« erschienen ist. Demnach haben E-Roller-Fahrer ein besonders hohes Risiko für schwere Kopfverletzungen, innere Verletzungen und Gefäßschäden. Traumatische Hirnverletzungen machten mehr als ein Drittel der Verletzungen bei Erwachsenen aus und traten häufiger auf als bei Motorrad- oder Fahrradfahrern (um den Faktor 3,5 und 1,7).
Die Versorgung komplexer Kopf- und Gesichtsverletzungen habe sich in den vergangenen Jahren erheblich weiterentwickelt, heißt es von der DGMKG. Hochauflösende dreidimensionale Bildgebungsverfahren wie die Computertomografie oder die digitale Volumentomografie ermöglichen eine exakte Diagnostik und eine präzise Operationsplanung. Durch patientenspezifische Titanimplantate könnte die ursprüngliche Anatomie annähernd wiederhergestellt werden.
Das oberste Ziel der Behandlung sei, Funktion und Ästhetik der verletzten Mund- und Gesichtsbereiche vollständig wiederherzustellen. Dennoch könnten schwere Gesichtsverletzungen auch nach erfolgreicher Versorgung Beschwerden verursachen. »Sensibilitätsstörungen im Gesichtsbereich, schmerzhaftes Kauen, eine schmerzbedingt eingeschränkte Mundöffnung, Augenbewegungsstörungen oder Doppeltsehen sind mögliche Unfallfolgen«, erklärt der DGMKG-Experte.
In Einzelfällen kann sich eine Kiefergelenksarthrose entwickeln. Zahnverletzungen machen darüber hinaus häufig weitere zahnärztliche Behandlungen bis hin zu Implantatversorgungen erforderlich. Auch sichtbare Narben könnten dauerhaft bestehen bleiben.
Um schweren Gesichts- und Kopfverletzungen durch E-Scooter-Unfälle vorzubeugen, ist Prävention nötig. Dazu gehört der Fachgesellschaft zufolge eine realistische Einschätzung der eigenen Fahrfähigkeiten und die Berücksichtigung von Verkehrsaufkommen, Witterung und Fahrbahnbeschaffenheit. Auf Alkoholkonsum sei vor dem Fahren zu verzichten.
Zudem empfiehlt die Fachgesellschaft, einen Helm zu tragen. Zwar schütze ein herkömmlicher Fahrradhelm das Gesicht nur eingeschränkt – vor schweren Mittelgesichts- und Unterkieferfrakturen bietet lediglich ein Integralhelm einen wirksamen Schutz –, dennoch könne bereits ein Fahrradhelm das Risiko schwerer Kopfverletzungen deutlich senken.
Ein Vorbild sei hier die französische Hauptstadt, heißt es von der DGMKG: Angesichts stark angestiegener Unfall- und Todesopfer durch E-Scooter-Unfälle (79 Todesfälle in 2025) hat Paris vor Kurzem neben einer Helmpflicht auch eine Pflicht zum Tragen einer Warnweste oder anderer reflektierender Ausrüstung eingeführt.