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Sehnenscheidenentzündung

Schutzhüllen im Stress

Ein Gelenk schmerzt, doch zum Pausieren fehlt die Zeit. Wer die Signale des Körpers überhört, riskiert eine Sehnenscheidenentzündung. Dann helfen neben Ruhe auch entzündungshemmende und schmerzstillende Medikamente sowie physiotherapeutische Übungen. Selten ist eine Operation erforderlich.
Nicole Schuster
02.10.2019
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Und plötzlich geht ohne Schmerzen gar nichts mehr. Wenn Patienten ihre Belastungsgrenze überschreiten, kann eine Sehnenscheidenentzündung, auch als Tendovaginitis oder Peritendinitis bezeichnet, die Folge sein. Sehnenscheiden sind hüllenartige Strukturen, die Sehnen schützen und ihre Reibung mit Bändern und Knochen reduzieren. In diesen Schutzhüllen gleiten die Sehnen bei Bewegungen hin und her. Bei starker Beanspruchung der Sehnen reiben diese innen an der Schutzhülle, wodurch diese anschwellen und sich letztlich auch entzünden kann.

Besonders häufig tritt eine Tendovaginitis am Handgelenk auf, aber auch der Ellenbogen, das Knie oder das Sprunggelenk sind oft betroffen. »Die häufigsten Ursachen für eine Entzündung der Sehnenscheiden sind mechanische Überlastungen bedingt durch repetitive, meist einseitige Bewegungen. Diese können zum Beispiel am Arbeitsplatz oder beim Sport erfolgen«, sagt Dr. Mehmet F. Gülecyüz, Funktionsoberarzt und Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie an der Klinik und Poliklinik für Orthopädie, Physikalische Medizin und Rehabilitation am Klinikum der Universität München (LMU) im Gespräch mit der PZ.

»Am Computer-Arbeitsplatz sind die Finger und das Handgelenk beim Schreiben an der Tastatur meist für längere Zeit in Streckstellung gehalten. Beim Arbeiten mit der Computermaus leiden hingegen vor allem der Zeige- und Ringfinger.« Nicht unproblematisch ist auch die Smartphone-Nutzung. »Aktuell bei Jugendlichen sehr häufig anzutreffen sind Sehnenscheidenentzündungen am Daumen bedingt durch exzessive Handynutzung etwa beim Spielen oder Texten«, weiß der Experte. Neben der beruflichen Tätigkeit oder Mediennutzung können auch Sportarten wie Fuß- und Basketball, Hockey, Ballett, Klettern, Rudern, Hanteltraining oder Turnen die Entzündung auslösen. Musiker sind ebenfalls gefährdet. Eine Tendovaginitis kann aber auch bei entzündlichen Gelenkerkrankungen wie Morbus Bechterew oder rheumatoider Arthritis entstehen, ebenso bei bestimmten Infektionserkrankungen.

Schmerzen nicht ignorieren 

Die Entzündung beginnt schleichend, sodass sich die ersten Symptome oft noch ganz gut ignorieren lassen. Allmählich nehmen die Schmerzen aber immer mehr zu und die Patienten verspüren auch eine erhöhte Druckempfindlichkeit über der betroffenen Sehnenscheide. Die Haut darüber rötet sich und strahlt Wärme aus. Weitere Entzündungszeichen wie Schwellung und eine eingeschränkte Funktionalität kommen hinzu. Typisch sind zudem Morgensteifigkeit und Schmerzen in Ruhe.

Patienten sollten es nicht so weit kommen lassen, dass die Schmerzen zu einem ständigen Begleiter werden. Ratsam ist, bereits bei den ersten Symptomen einen Arzt aufzusuchen. Je früher eine adäquate Behandlung einsetzt, desto schneller sind die Betroffenen wieder einsatz- und arbeitsfähig. Wer hingegen die Schmerzen übergeht, riskiert, dass sich die Entzündung chronifiziert.

Der Arzt erkennt die Sehnenscheidenentzündung in der Regel am Beschwerdebild. In unklaren Fällen kann er zur Absicherung eine Ultraschall- oder eine Magnetresonanztomografie-Untersuchung durchführen.

Konservative Therapie meist ausreichend

Für die Therapie einer Sehnenscheidung sind Ruhe und Entlastung essenziell. Patienten sollten – auch wenn es schwerfällt – für die vom Arzt empfohlene Zeit das betroffene Körperglied schonen und die auslösende Tätigkeit meiden. Auf entsprechenden Sport, Hausarbeit oder Tätigkeiten auf der Arbeit muss für diesen Zeitraum verzichtet werden. »Fakultativ kann auch eine temporäre Ruhigstellung in einer Gipsschiene oder Orthese Abhilfe verschaffen. Kühlen und Kompression hilft im Akutfall auch sehr gut«, sagt Gülecyüz.

Als medikamentöse Therapie können entzündungshemmende Schmerzmittel, in der Regel nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen, zum Einsatz kommen. Sie lindern nicht nur die Schmerzen, sondern sorgen auch dafür, dass die Entzündung schneller abheilt. Patienten können die Mittel sowohl oral in Tablettenform als auch äußerlich als Creme oder Salbe anwenden. Injektionen von Cortisonpräparaten oder Lokalanästhetika sind eher selten erforderlich. Reichen Medikamente nicht aus, kann ergänzend Krankengymnastik angezeigt sein. Patienten lernen dabei Übungen, die Muskeln und Sehnen kräftigen und dadurch entlastend wirken.

Bei hartnäckigen oder wiederkehrenden Beschwerden kann eine Ultraschall- oder Elektrotherapie einen Versuch wert sein. Leiden Patienten unter einer besonders schweren Form von Sehnenscheidenentzündungen oder ist die Entzündung chronisch geworden, kommen sie möglicherweise nicht um eine Operation herum. Bei dem kleinen Eingriff, der sich ambulant und unter lokaler Betäubung durchführen lässt, spaltet der Arzt das die Sehne bedeckende Band sowie das Dach des Sehnenkanals. Liegt verdicktes Sehnengleitgewebe vor, kann der Chirurg dieses entfernen.

Arbeitsabläufe anpassen

Ist die Sehnenscheidenentzündung überstanden, bedeutet das nicht, dass Patienten wieder »Vollgas« geben sollten. Eine erneute Fehl- oder Überbelastung kann dazu führen, dass die Beschwerden wiederkehren. Regelmäßig Pausen einlegen, übermäßige Belastungen vermeiden und auslösende Arbeitsabläufe anpassen ist vorbeugend empfehlenswert. »Am Computer-Arbeitsplatz können außerdem ergonomische Hilfsmittel wie Handgelenkspolster, ergonomische Tastaturen oder eine speziell geformte Computermaus für Erleichterung sorgen«, weiß Gülecyüz. Wenn Sport die Sehnenscheidenentzündung ausgelöst hat, sollten Patienten sich zukünftig gut aufwärmen und die Gelenke durch Dehn- und Streckübungen lockern. Auch hier gilt: Sobald es wieder zwickt und zwackt, ist eine Pause angesagt.

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