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München
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Scharpf: Apotheken sind wie ein Airbag

Mit ohrenbetäubendem Protest machen die süddeutschen Apothekenteams in München ihrem Ärger und ihren Forderungen Luft. Lautstark fordern sie die Rettung der Apotheken: jetzt!
AutorKontaktCornelia Dölger
AutorKontaktBrigitte M. Gensthaler
Datum 23.03.2026  14:48 Uhr

»Wer von Ihnen kämpft gerade für seine Apotheke, für seinen Arbeitsplatz und seine Patienten?«, fragte Franziska Scharpf, Präsidentin der Bayerischen Landesapothekerkammer (BLAK) und BAK-Vizepräsidentin, unter ohrenbetäubendem Protestrufen und Trillerpfeifenkonzert der Demonstrierenden. Jetzt gehe es um Existenz und Verantwortung.

Sie habe Angst, dass es die Apotheke und den Beruf irgendwann nicht mehr geben werde und die Menschen nicht mehr so versorgt werden, wie sie es verdient hätten. Apotheken seien für die Menschen die erste ratgebende Instanz und die letzte Instanz, bevor ein Arzneimittel angewendet wird. »Wir sind wie ein Airbag: unsichtbar, aber unverzichtbar!« Darauf könnten sich die Patienten bei den Apothekern und im Schulterschluss mit den ärztlichen Kollegen verlassen.

Der vorliegende Gesetzentwurf zum Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) entscheide über die Zukunft, denn die Versorgung dürfe nicht in Richtung Kapitalstrukturen gesteuert werden. Scharpf würdigte aber auch die darin vorgesehenen Chancen für eine bessere Patientenversorgung. Die Zukunft in diese Richtung zu gestalten, gelinge nur mit starken öffentlichen Apotheken. »Ohne wirtschaftlich stabile Apotheken gibt es keine stabile Versorgung, keine Qualität, keine Weiterentwicklung. Wer verlässliche Versorgung will, muss diese wirtschaftlich ermöglichen. Uns gibt’s nicht zum Nulltarif!« Auch Hans-Peter Hubmann, Vorsitzender des Bayerischen Apothekerverbands (BAV) sowie des Deutschen Apothekerverbands (DAV), hatte zuvor eine sofortige Anpassung des Fixums gefordert.

Schulterschluss mit den Ärzten

Wütend sei sie – selbst PTA und Apothekerin – über die angedachte PTA-Vertretungsbefugnis, rief Scharpf. PTA dürften nicht zur Notlösung für wirtschaftlich-politische Versäumnisse der letzten Jahrzehnte werden. Diese Regelung könne schnell ein neuer Standard werden und untergrabe das Prinzip der Freiberuflichkeit.

Zweigapotheken ohne volle Leistung und Apotheken ohne Apotheker: Das sei ein Risiko für die Qualität und die Versorgung, erboste sich Scharpf. Das öffne die Tür für Strukturen, in denen die Apotheke nur noch ein Anhängsel ist. »Wenn die Politik die Versorgung sichern will, müssen überall gleiche Regeln gelten«, sagte sie mit deutlichem Verweis auf den ausländischen Versandhandel.

»Mehr Verantwortung und mehr Leistung braucht auch mehr Honorar, sonst geht es nicht weiter. Jetzt müssen wir laut sein, damit wir gehört werden: keine PTA-Vertretung, keine Zweigapotheken, mehr Honorar! Wir geben nicht auf und kämpfen für unsere Apotheken und unser Land.«

Als klares Signal an die Politik bezeichnete ABDA-Vorstandsmitglied Silke Laubscher die Geschlossenheit des Berufsstands und aller Apothekenmitarbeitenden, die zum Protesttag gekommen seien. »Alle Beschäftigten in Apotheken haben ihre Gründe, hier zu protestieren: Es geht um unser aller Zukunft!«, sagte Laubscher, die seit Jahrzehnten als angestellte Apothekerin arbeitet.

»Erleichterungen« spielen nur Drogeriemärkten und Versandhandel in die Karten

Mehr als 160.000 Menschen arbeiten in Apotheken, mehr als 90 Prozent von ihnen Frauen. Auch die Angestellten hätten Anspruch auf eine faire Vergütung. Jetzt müsse Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) ihr Versprechen der Honoraranpassung einlösen; mit ihren Protesten wolle der Berufsstand sie unterstützen. Die Anpassung sei angesichts galoppierender Kosten der Betriebe nötig, aber auch für eine angemessene Bezahlung der Angestellten, damit die Apothekenberufe in Zukunft attraktiv bleiben.

Laubscher sprach weitere Knackpunkte im Gesetzentwurf an: Vermeintliche strukturelle Erleichterungen spielten nur den Drogeriemärkten und dem ausländischen Versandhandel in die Karten. »Die lachen sich ins Fäustchen, denn sie sind die Profiteure eines Systemwandels.«

Stattdessen müsse die Bedeutung der Apotheken im Gesundheitswesen noch viel größer werden. Der Berufsstand habe der Politik konkrete Vorschläge mit dem Zukunftskonzept gemacht. Doch nur gesunde Apotheken könnten zusätzliche Leistungen erbringen und dafür sei die wirtschaftliche Stabilisierung essenziell, unterstrich auch Laubscher.

90.000 Unterschriften für die Apothekenrettung

Tag und Nacht würden Apotheken die Arzneimittelversorgung sicherstellen – und »das schätzen unsere Patienten sehr«. Die Bevölkerung stärke dem Berufsstand den Rücken. Die Online-Petition zur Apothekenrettung habe bereits 90.000 Unterschriften bekommen, berichtete sie unter großem Applaus. Jede Stimme helfe, der Politik deutlich zu machen, wie sehr »die Patienten uns brauchen«. Die nächsten Tage seien entscheidend. »Wir kämpfen für unsere Apotheken, unsere Arbeitsplätze und die faire Versorgung der Patienten.«

Rückenwind kam auch aus der Landespolitik. Carolina Trautner, CSU-Landtagsmitglied und Mitglied im Gesundheitsausschuss, betonte, Apotheken seien unverzichtbar und hoch kompetente Gesundheitsdienstleister. Sie seien keine Kostentreiber, sondern eine Entlastung für das Gesundheitssystem.

Bernhard Seidenath (CSU), Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Bayerischen Landtag, pflichtete ihr bei. Fakt sei: »Ohne Apotheken können wir alle zusperren.« Die Apotheke werde gebraucht. Das Vertrauen in die Politik sei teils verspielt worden. Die Aussagen im Koalitionsvertrag müssten jetzt 1:1 umgesetzt werden, das sei auch Ziel eines Dringlichkeitsantrags von CSU und Freien Wählern im Landtag. Die CSU stehe zudem für ein Rx-Versandhandelsverbot.

PTA sollen nicht als »politische Sparmaßnahme« herhalten

Trautner ergänzte, man wolle eine flächendeckende Versorgung, kein abgespecktes Angebot und keine Verzwergung der Apotheken. Die PTA-Vertretungsidee sei abzulehnen, gleichwohl seien PTA »hoch geschätzte Mitarbeitende«. Sie hätten es nicht verdient, eine »politische Sparmaßnahme zu sein«. Reformen seien nötig – aber diese müssten stärken und nicht schwächen. »Vergelt’s Gott für Ihren tollen Einsatz vor Ort«, rief Trautner.

Seidenath schloss: Man stehe voll an der Seite der Apotheken. Ohne Apotheken sei alles nichts, so Seidenath in Anlehnung an ein bekanntes Schopenhauer-Zitat.

Freie Wähler: Honoraranpassung auf 12 Euro

Susanne Enders von den Freien Wählern mahnte eindringlich, Reformen seien unabdingbar. Klar sei, dass man in diesem Gesundheitssystem ein flächendeckendes Apothekennetz brauche. Das System müsse vom Menschen aus gedacht werden.

Apothekenteams seien sozialer Netzpunkt, Gesundheitsexperten, Engpassmanager, Notdienstleister – und sie müssten wirtschaftlich funktionieren. Es gehe um Existenzen und Familien. Es brauche ein Reformgesetz, das seinem Namen gerecht werde. Im Gesetzentwurf fehle die Honoraranpassung – und zwar auf 12 Euro, so Enders. Zudem müsse die Vertretungsklausel gestrichen, obendrein die Botendienstpauschale erhöht werden. Der Apothekerberuf als freier Beruf müsse erhalten und die Inhalte des Koalitionsvertrags umgesetzt werden.

Patientenberaterin: Versender eher etwas für Gesunde

Patientenberaterin Carola Sraier betonte, die Apotheke sei lebensnotwendig. Versender könnten dies nicht leisten, diese seien im Prinzip eher etwas für Gesunde, so die Beraterin beim Gesundheitsladen München. Alte, Kranke und Schwache bräuchten eine Apotheke, die sie erreichen können und in der Gespräche möglich sind. Sraier dankte den Apotheken für ihre Fürsorge und zuverlässige Beratung. Auch dass sich Apotheken »manchmal in die Warteschleife hängen« und Unklarheiten zu Rezepten ausräumten, komme den Patienten zugute. »Dankeschön auch hierfür.«

Hubmann dankte allen Teilnehmenden für die Protestaktion in München. Unter langem Applaus sagte er zum Schluss, aus München gehe ein starkes Signal an die Bundespolitik. In Richtung Berlin appellierte der BAV-Chef: »Stärken Sie die Apotheken jetzt!«

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