| Alexander Müller |
| 20.06.2026 15:40 Uhr |
Sanacorp-Chef Patrick Neuss präsentierte bei der Vertreterversammlung die aktuellen Zahlen der Genossenschaft. / © Screenshot: Sanacorp.de
Zunächst die nackten Zahlen: Die Sanacorp hat ihren Gesamtumsatz im Geschäftsjahr 2025 auf rund 7,9 Milliarden Euro gesteigert und damit um 7,5 Prozent zugelegt. Das Ergebnis inklusive Sondereffekten vor Steuern lag bei 78,8 Millionen Euro, nach 14,3 Millionen Euro im Vorjahr.
Förderberechtigte Mitglieder erhalten eine Gesamtdividende von 14 Prozent. Diese setzt sich zusammen aus 3,4 Prozent Basisdividende und 10,6 Förderdividende für Mitglieder, die mehr als 600.000 Euro Umsatz machen. Diese Schwelle steigt künftig auf eine Million Euro. Die rückläufige Zahl der Apotheken trifft auch die Sanacorp: Die Zahl der Mitglieder sank im Jahresvergleich von 7271 auf 7077.
Neuss zufolge wirkt das vor gut zwei Jahren gestartete »Effizienz- und Zukunftsprogramm«. Mehr als die Hälfte der geplanten Maßnahmen sei bereits umgesetzt oder befinde sich in Umsetzung. Schwierig gewesen seien dabei vor allem die notwendigen Personalmaßnahmen. Immerhin konnten Neuss zufolge »erste wirtschaftliche Effekte« realisiert werden. Mit Blick auf die aktuell laufende Fußball-WM verwies er an die Bedeutung der zweiten Halbzeit.
Gerade für die Genossenschaft ist die wirtschaftliche Lage der Apotheken entscheidend. Neuss erinnerte in seiner Rede bei der Vertreterversammlung an die Apothekenproteste im März. »Besonders bemerkenswert waren die Geschlossenheit und Entschlossenheit, mit der unser Berufstand aufgetreten ist.« Dies habe deutlich gemacht, wie ernst die Lage ist.
Die jetzt beschlossene Honorarerhöhung für Apotheken sei ein wichtiges Signal, auch wenn es sich nicht um den großen Wurf handele, so Neuss. Die ebenfalls vorgesehene Anhebung des Kassenabschlags sowie die Kostensteigerungen führten dazu, dass von der Honorarerhöhung wenig übrigbleibe. »Mehr Kosmetik als strukturelle Lösung«, so Neuss‘ Fazit. Auch die neuen Aufgaben der Apotheken müssten mit einer tragfähigen Vergütung versehen sein, damit die Apotheken profitieren könnten.
Die Großhändler seien ein »oft wenig sichtbarer aber unverzichtbarer« Teil der Versorgung, so Neuss. »Deshalb müssen wir auch über die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Großhandels sprechen.« So sei der Hochpreiserdeckel – also das maximale Vergütung pro Packung – seit der Einführung im Jahr 2012 nur einmal angehoben worden – von 38,50 auf 38,53 Euro.
Großhändler und Apotheken dürften sich im Kampf um eine gerechte Vergütung aber nicht auseinander dividieren lassen. »Wir sind keine Gegenspieler«, so Neuss, der auf das aktuelle Verordnungspaket des Gesetzgebes und die Rücknahme des »Skonto-Urteils« des Bundesgerichtshofs (BGH) verwies. Neuss kann verstehen, dass dies Apotheken auf den ersten Blick positiv erscheine, dämpfte aber Hoffnungen auf eine Rückkehr zu alten Rabattmodellen: »Damalige Konditionen waren dauerhaft nicht tragfähig.«
Die Sanacorp verfolge keine Gewinnmaximierung, müsse aber wirtschaftlich stabil bleiben. Und der BGH habe unmissverständlich festgestellt, dass der Großhandel nicht dafür da sei, strukturelle Defizite bei der Vergütung der Apotheke auszugleichen. Er habe keine Sorgen um Diskussionen über Konditionen, aber um die Tendenz der Umverteilung innerhalb des Systems, so Neuss. Vielmehr müsse die Vergütung der Apotheken und des Großhandels an die wirtschaftlichen Realitäten angepasst werden. Denn auch die Großhändler müssten höhere Kosten sowie mehr regulatorische Anforderungen und Dokumentationspflichten schultern.
Zudem will die Sanacorp weiter in Infrastruktur investieren. Der Umbau der Niederlassung Düsseldorf befinde sich auf der Zielgeraden. Neubauprojekte in Offenburg und Stralsund schreiten nach Unternehmensangaben planmäßig voran. Mit dem geplanten Neubau in Ettlingen werde zudem die vollständige Integration der Fiebig-Gruppe vorangetrieben.
Neuss ging auch auf die neue Lage mit Blick auf politische, finanzielle und geopolitische Risiken ein: »Arzneimittelversorgung ist längst nicht mehr nur Gesundheitspolitik. Sie ist Standortpolitik. Sie ist Industriepolitik. Und sie ist ein Teil der strategischen Sicherheit Europas.«
Der Vorstand schlägt außerdem eine Änderung der Satzung und Verschiebung des Geschäftsjahrs vor. Hintergrund ist ein Zielkonflikt bei der Lagerhaltung: Volle Lager seien wichtig für die Warenverfügbarkeit zum Jahreswechsel, erklärte Neuss. Aus bilanzieller Sicht und mit Blick auf die Finanzierungsmöglichkeiten sei dagegen eine geringe Verschuldung am Jahresende wünschenswert. Die Verschiebung des Geschäftsjahres könne Mehrerträge »im guten sechsstelligen« Bereich bewirken. Hierzu soll ein Rumpfgeschäftsjahr eingefügt werden.