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Corona-Lage

RKI will sich weiter an Inzidenz orientieren

Die Inzidenz sollte nach Ansicht des Robert-Koch-Instituts weiterhin der Leitindikator für die Infektionsdynamik bleiben. Dem aktuellen Papier zufolge hat die vierte Welle der Corona-Pandemie begonnen.
PZ
dpa
28.07.2021  13:30 Uhr

«Inzidenz ist Leitindikator für Infektionsdynamik (hohe Inzidenzen haben zahlreiche Auswirkungen)», heißt es in dem Papier, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Die 7-Tage-Inzidenz bleibe wichtig, um die Situation in Deutschland zu bewerten und frühzeitig Maßnahmen zur Kontrolle zu initiieren. Nach Informationen der «Bild» soll es deshalb in der Schalte zu größeren Diskussionen gekommen sein, weil viele Länder von der Inzidenz als wichtigstem Kriterium abkommen wollen.

Zur aktuellen Lage heißt es in dem Papier, dass die Inzidenzen seit rund drei Wochen wieder stiegen, der Anteil der Hospitalisierungen seit rund zwei Wochen. «Die vierte Welle hat begonnen.» Hohe Impfquoten alleine seien nicht ausreichend, die vierte Welle flach zu halten, heißt es weiter. Zusätzliche «Basisschutz-Maßnahmen» seien notwendig, um die vierte Welle so zu senken, dass die Patientenzahlen in Krankenhäusern nicht zu hoch würden. Als Maßnahmen nennt das Papier eine Reduzierung der Kontakte sowie eine Reduktion der Mobilität.

Der Berner Epidemiologe und Privatdozent Dr. Christian Althaus empfiehlt dagegen, die Zahl der täglichen Krankenhauseinweisungen als Maßgabe für eine Verschärfung der Corona-Maßnahmen zu machen. Orientieren könne man sich dafür an der Schweiz, wo 120 tägliche Neuaufnahmen von Covid-19-Patienten als Schwellenwert für weitere Maßnahmen dienten. «Auf Deutschland bezogen würde das dann um den Faktor 10 höher sein, also etwa 1200 Hospitalisierungen pro Tag als Schwellenwert», sagte der Experte bei einer Veranstaltung des Science Media Center am Dienstag.

Viele europäische Länder gehen nach Einschätzung des Epidemiologen gerade in eine Phase über, in der schon viele Menschen vollständig geimpft seien, das Virus sich aber dennoch wahrscheinlich stärker ausbreiten werde. «Zu einem gewissen Zeitpunkt wird die Inzidenz relativ hoch sein», so Althaus. Vorläufig sei es aber noch schwierig abzuschätzen, wie sehr das Gesundheitssystem dadurch belastet werde. Wichtig für eine solche Einschätzung sei eine aktuelle und verlässliche Datenbasis, betonte der Experte von der Universität Bern.

Für den Leiter des Fachgebiets Management im Gesundheitswesen von der TU Berlin, Professor Dr. Reinhard Busse, liegt genau da der Knackpunkt. Ein Problem sei, dass in Deutschland im Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) fallbezogene und keine personenbezogenen Daten erhoben würden. «Ein Patient, der verlegt wird von einem Krankenhaus in das andere, der zählt doppelt, und das passiert bei den Covid-Patienten relativ häufig», so Busse.

Laut dem Modellierer Professor Dr. Andreas Schuppert von der RWTH Aachen ist es hier höchste Zeit, gute und belastbare Daten zu bekommen. Bis dahin biete die Sieben-Tage-Inzidenz aber weiter eine gute Orientierung, sagte Schuppert, der wie Busse und Althaus an der Veranstaltung des Science Media Center teilnahm.

»Während das Festhalten an der Inzidenz eine Zeit lang eine gewisse Berechtigung haben konnte, wird sie nun durch die erhebliche Zunahme der Impfquote tatsächlich zu einem falschen Steuerparameter«, meint auch Professor Dr. Gerd Antes, Leiter des Cochrane-Zentrums Deutschland, in einer Mitteilung an Journalisten. »Die Inzidenz war für die Politik eben sehr bequem.« Der Herbst müsse nun sorgfältig vorbereitet werden.

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