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Kollateralfolgen

Risiken und Wirkung von Kontakt- und Ausgangssperren

Eine Ausgangssperre scheint vorerst vom Tisch. Stattdessen gelten seit Montag für Millionen Menschen in Deutschland strenge Kontaktbeschränkungen. Welche Konsequenzen hat das?
dpa
24.03.2020
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Italien, Frankreich, Belgien, China, Spanien – viele Länder haben sich im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus für Ausgangssperren entschieden. In Deutschland gilt in weiten Teilen eine abgemilderte Variante. Menschen dürfen weiterhin selbstbestimmt vor die Tür. Allerdings maximal zu zweit, es sei denn, es sind Angehörige aus dem gemeinsamen Haushalt. Die Einschränkungen sind deutlich spürbar, haben weitreichende Folgen und werfen Fragen auf.

Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery ist vorerst zufrieden. Er befürwortet die Einigung von Bund und Ländern. Es gebe einen gravierenden Unterschied, durch eine Ausgangssperre mit staatlichen Mitteln gezwungen zu werden und dem Kontaktverbot, «dass sie selber mit Eigenverantwortung entscheiden, wann sie das Haus verlassen». Montgomery hatte sich zuvor deutlich gegen einen Lockdown ausgesprochen. Er rechnet nicht mit einem schnellen Ende der Corona-Krise. «Diese Problematik wird uns mit Sicherheit bis zum Ende des Jahres begleiten», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Bis ein Impfstoff verfügbar sei, «werden wir unser gesamtes soziales Leben und unser Arbeitsleben umstellen müssen».

Welche Wirkung die einzelnen Maßnahmen auf die Ausbreitung des Virus haben, kann derzeit niemand mit Sicherheit beantworten. Singapur und Hongkong, teils auch Japan und Südkorea seien sehr erfolgreich gegen die Ausbreitung des Virus vorgegangen, «vor allem über Beschränkung und nicht über Ausgangsverbote», sagt Alena Buyx. Sie ist Professorin für Ethik der Medizin und Gesundheitstechnologien an der Technischen Universität München. Trotzdem bleibt die Datengrundlage dünn. Es gelte Schritt für Schritt basierend auf Evidenz zu entscheiden. «Es gibt im Moment keine 100 prozentige Sicherheit.»

Für ein schrittweises Vorgehen und Abwägen plädierte auch eine Forschergruppe vom Imperial College London. Die Wissenschaftler rund um Neil Ferguson haben basierend auf Modellen für Großbritannien und die USA zu einer flexiblen Strategie geraten, in der Maßnahmen immer wieder angezogen und gelockert werden – auch um zu verhindern, dass sich der Ausbruch nur zeitlich verlagert.

«Solange nicht ein großer Teil der Bevölkerung immun ist, kann sich das Virus ja nach wie vor ausbreiten», sagt Mirjam Kretzschmar von der Universitätsmedizin Utrecht. «Sobald die Maßnahmen gelockert sind, geht die Reproduktionszahl wieder auf den ursprünglichen Wert zurück und die Ausbreitung verläuft wie vor den Maßnahmen. Das ändert sich erst, wenn ein substanzieller Teil der Bevölkerung immun geworden ist.» Dass die Einschränkungen in vier Wochen aufgehoben werden, glaubt auch Buyx nicht. Aber mit welchen Folgen?

Anstieg der psychischen Erkrankungen gefürchtet

Die bisher getroffenen Maßnahmen wirken in allen Lebensbereichen und führen zu umfassenden Veränderungen. «Das sind drastische Freiheitseinschränkungen», die «massive soziale und ökonomische Folgen» hätten, so Buyx. «Ob die getroffenen Maßnahmen ausreichen, muss abgewartet werden», sagt Nico Dragano, Medizinsoziologe am Uniklinikum Düsseldorf. Die Ausgangssperre sei nicht vom Tisch. Oberstes Ziel sei es, den Anstieg der Fälle zu stoppen. Gleichzeitig müssten aber auch die gesundheitlichen Folgen durch psychische und soziale Belastungen im Blick behalten werden.

Welche sozialpsychischen Folgen eine komplette Ausgangssperre haben kann, habe sich etwa in China gezeigt, erklärt Buyx. Dort sei die Zahl der psychischen Erkrankungen angestiegen, außerdem habe die häusliche Gewalt vor allem gegen Frauen und Kinder massiv zugenommen. «Das sind schwere Kollateralfolgen und deswegen müssen wir diese Einschränkungen mit Augenmaß einsetzen. Wir müssen immer wieder fragen, welche Maßnahmen können wir wann und wie kontrolliert zurücknehmen.»

«Wir müssen wissen, wie wir da wieder rauskommen», sagt auch Hajo Zeeb, Professor für Epidemiologie an der Universität Bremen und Forscher am Leibniz-Institut. Eine «riesige Bevölkerungsintervention» nennt er die Maßnahmen in Deutschland. Es sei eine Fülle von Maßnahmen durchgesetzt worden, nun müsse man offene Fragen klären, etwa um die Dunkelziffer der Erkrankungen genauer bestimmen zu können. Die Ergebnisse seien essenziell für die Entscheidung darüber, «wie wir uns in Zukunft verhalten müssen. Wenn man das weiß, kann man deutlich genauer mit den Ausbreitungsmodellen arbeiten.»

Genauso wichtig sei aber auch eine begleitende Sozialpolitik. Die Krise treffe Menschen in unterschiedlichen Graden – und besonders stark jene, die bereits vorher in prekären Lagen steckten. «Man muss ihnen die wirtschaftliche Angst nehmen, das hat einen ganz massiven Einfluss auf die Gesundheit», so Zeeb. «Bei Beschäftigten im Niedriglohnsektor, bei Selbstständigen und Unternehmern kann sich die Lage schnell zuspitzen», sagt auch Klaus Hurrelmann, Professor für Public Health and Education an der Hertie School, «weil ein reales Risiko für einen wirtschaftlichen Absturz und materielle Not entsteht». Depression, Angst, Schlafstörungen, innere Unruhe und Panikattacken könnten die Folge sein.

«Es ist nicht so, dass eine kurze Quarantäne automatisch negativ auf die Gesundheit wirkt», sagt hingegen Nico Dragano. «Wenn Menschen den Sinn verstehen, geht das nicht unbedingt mit einer psychischen Belastung einher.» Auch um das Risiko von gesundheitsschädlichem Bewegungsmangel müsse man sich bei einer Ausgangsbeschränkung von ein paar Wochen vorerst keine Gedanken machen.

Weltärztepräsident Montgomery glaubt, wir werden Mechanismen entwickeln, wie wir mit den Maßnahmen, auch über längere Zeit, umgehen. Er ist zuversichtlich: «Der Mensch ist zum Glück ein sehr lernfähiges und sehr adaptives Wesen.»

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