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Adipositas bei Kindern

Riesendefizite in der Versorgung

Für Kinder und Jugendliche mit krankhaftem Übergewicht gibt es bislang kaum Behandlungskonzepte oder spezialisierte Einrichtungen in Deutschland. In der Versorgung gebe es ein »Riesendefizit«, machte Professor Dr. Martin Wabitsch, Pädiater am Universitätsklinikum Ulm auf der gemeinsamen Jahrestagung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) und der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) Anfang November in Wiesbaden deutlich.
Christina Hohmann-Jeddi
15.11.2018
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Für die eine Million betroffenen Kinder und Jugendlichen stehen insgesamt etwa 50 Einrichtungen bundesweit zur Verfügung, berichtete der Mediziner. Ein Grund für die schlechte Versorgung sei, dass Adipositas bislang nicht als Krankheit anerkannt ist. Dabei handele es sich nicht um einen selbstgewählten Zustand, sondern um eine zentralnervöse Störung der Regulation des Energiehaushalts, betonte Wabitsch. Er forderte, dass Adipositas als Krankheit anerkannt werden müsse, um die Situation zu verbessern. Dann könnten auch die notwendigen Therapieprogramme finanziert werden. Durch interdisziplinäre Programme, die neben Schulung auch Bewegung und Psychotherapie umfassen, ließe sich die Gewichtszunahme bei Kindern aufhalten. »Bei übergewichtigen Kindern kann so eine Gewichtskonstanz erreicht werden«, so Wabitsch.

»Wichtig ist es dabei, nicht zu lange zu warten.« Denn Übergewicht und Adipositas wirken sich negativ auf die Gesundheit von Heranwachsenden aus. Betroffene Kinder und Jugendliche haben ein erhöhtes Risiko für somatische Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und orthopädische Störungen sowie für psychische Erkrankungen wie Depression. Letzteres wird auch durch die Diskriminierung und Abwertung bedingt, der übergewichtige Kinder häufig ausgesetzt sind.

Wabitsch forderte ein Umdenken. Die Schuld an einem zu hohen Körpergewicht liege nicht bei den Kindern. Das Körpergewicht werde biologisch streng reguliert und Adipositas entsteht, wenn diese Regulation gestört ist. Durch eine willentliche Steuerung sei das Gewicht nur in geringem Ausmaß zu kontrollieren. Die genetische Veranlagung und programmierte frühkindliche Entwicklungsprozesse hätten einen stärkeren Einfluss. Das zeigt auch eine aktuelle Studie aus Leipzig, die im Oktober im »New England Journal of Medicine« erschien. Der Langzeit-Untersuchung mit mehr als 51.000 Kindern und Jugendlichen zufolge manifestiert sich Übergewicht schon sehr früh in der Kindheit: Die stärkste Zunahme des Body-Mass-Index erfolgte im Alter von zwei bis sechs Jahren. 90 Prozent der Kinder, die im Alter von drei Jahren übergewichtig waren, hatten auch zu viel Gewicht als Jugendliche (im Alter von 15 bis 18 Jahren). Dies zeige eindeutig, dass es sich bei Adipositas nicht um Willensschwäche oder Ähnliches, sondern um eine Erkrankung handele.

DOI: 10.1056/NEJMoa1803527

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