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Patientensicherheit

Richtig rechnen für Frühgeborene

Nur ein kleiner Teil der Arzneimittelpräparate in Deutschland ist speziell für Kinder und Jugendliche zugelassen. Oft fehlen Angaben zur genauen Dosierung und zu kindgerechten Darreichungsformen. Dieser Umstand zwingt Ärzte regelmäßig zum sogenannten Off-Label-Use, also zur Verschreibung von Medikamenten ohne die für diesen Zweck explizite Zulassung durch die Arzneimittelbehörden. »Das ist kein Idealzustand – keine Frage. Kein Arzt und kein Apotheker macht so etwas gerne oder leichtfertig«, weiß auch Professor Dr. Antje Neubert, Apothekerin und Leiterin der Zentrale für Klinische Studien in der Pädiatrie des Universitätsklinikums Erlangen.

Um allen Verantwortlichen mehr Sicherheit zu bieten, wurde dort die evidenzbasierte Datenbank www.kinderformularium.de entwickelt, auf die seit Januar 2021 deutschlandweit Ärzte, Apotheker, Therapeuten und Pflegefachkräfte kostenlos zugreifen können. Hier können sie nachlesen, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse es aktuell zur Verordnung ausgewählter Medikamente bei Kindern und Jugendlichen gibt.

Mit dem entsprechenden Klick können Kollegen weiterführende Informationen zur Erarbeitung ihrer Dosierungsempfehlungen und ihrer Pädiatrie-spezifischen Arzneimittelinformationen erhalten. Das Projekt zur Wissensplattform für Kindermedikamente wird vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert und von Neubert sowie dem Pädiater Professor Dr. Wolfgang Rascher an der Kinder- und Jugendklinik geleitet.

Vorbild aus den Niederlanden

Um dieses nachhaltige Arzneimittelinformationssystem für Kinder etablieren und vorhandene Kenntnisse nutzen zu können, ist ein Lizenzvertrag mit dem niederländischen Kinderformularium (NKFK – Nederlands Kenniscentrum Farmacotherapie bij Kinderen) geschlossen worden, hatte Neubert zum Launch der deutschen Version  in einer Mitteilung der Erlanger Kinderklinik deutlich gemacht.   

Damit sei auf ein schon bestehendes, national etabliertes und evidenzbasiertes Arzneimittelinformationssystem aufgebaut worden, dessen Dosierungsempfehlungen zu einem sehr großen Teil auf systematischen Recherchen der Primärliteratur sowie entsprechender Nutzen-Risiko-Analysen basieren und als Ausgangspunkt für die Erstellung des deutschen Kinderformulariums dienten.

Die bestehenden Inhalte seien sorgfältig geprüft, durch eigene Recherchen erweitert und auf Deutschland angepasst worden. Darüber hinaus seien Informationen zum Zulassungsstatus, zu kinderspezifischen Nebenwirkungen, zu Warnhinweisen und Kontraindikationen sowie zu geeigneten Präparaten in Deutschland aufgenommen worden.

Die Datenbank sei anschließend bundesweit im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie durch den Einsatz im medizinischen und pharmazeutischen Alltag in zwölf Kliniken und über 150 Arztpraxen geprüft und kritisch unter die Lupe genommen worden. »Es ist uns gelungen, ein umfangreiches Arzneimittelinformationssystem zur evidenzbasierten Anwendung von Medikamenten bei Kindern und Jugendlichen zu schaffen«, unterstreicht Neubert. »Gleichzeitig wurde ein wichtiger Schritt in Richtung eines international harmonisierten Werkes getan«, betont die Pharmazeutin.

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