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Kongress »WeACT Con«
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Resilienz als Zukunftsfrage des Gesundheitswesens

Das Gesundheitssystem steht angesichts geopolitischer Spannungen und möglicher Krisenszenarien vor neuen Belastungsproben. Dabei rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie Versorgung auch unter Extrembedingungen gesichert werden kann. 
AutorKontaktMelanie Höhn
Datum 07.05.2026  16:20 Uhr

Auf einem Panel des Kongresses »WeACT Con« des Pharmaunternehmens Chiesi wurde das Thema Resilienz des Gesundheitswesens und der Gesellschaft in Krisen- und Konfliktzeiten beleuchtet.

Im Zentrum der Überlegungen eines Oberstleutnants der Bundeswehr, der namentlich nicht genannt werden will, stand die Frage, wie das Gesundheitswesen in einer zunehmend krisenhaften Welt widerstandsfähiger werden kann. Resilienz sei kein abstraktes Konzept, sondern eine konkrete gesellschaftliche Aufgabe in einer derzeit »hybriden Phase« zwischen Frieden und möglichen Konflikten, in der gezielte Störungen und Unsicherheiten auftreten können.

Nach seinen Worten könnte es erhebliche Folgen für die medizinische Versorgung haben, wenn täglich »800 bis 1000 verwundete Soldaten nach Deutschland zugeführt werden« müssten. Das Gesundheitssystem müsste dann nicht nur zusätzliche Kapazitäten bereitstellen, sondern auch mit gleichzeitigen Belastungen durch Flüchtlingsbewegungen und infrastrukturelle Störungen umgehen. Dann könne es zu spürbaren Verdrängungseffekten im regulären Versorgungsalltag kommen.

Gleichzeitig betonte er, dass das Gesundheitssystem bereits heute unter Druck stehe und es deshalb kaum Reserven für größere Krisensituationen gebe. Im Gesundheitswesen werde »jeder Cent umgedreht« und vielerorts vor allem auf Wirtschaftlichkeit geachtet. Dadurch würden aus seiner Sicht genau jene Strukturen abgebaut, die in Krisen entscheidend wären, wie etwa freie Betten, zusätzliche Personalreserven oder redundante Versorgungswege.

Strategische Bevorratung von Medikamenten

Nach Ansicht des Oberstleutnants brauche es eine bessere Vorbereitung auf Krisensituationen durch praktische Maßnahmen. Dazu gehören etwa eine stärkere Vernetzung bestehender Strukturen sowie eine strategische Bevorratung von Medikamenten und medizinischen Gütern. Auch die Absicherung kritischer Infrastruktur wird als zentral angesehen, etwa um bei Stromausfällen oder Lieferengpässen handlungsfähig zu bleiben.

Insgesamt sieht er das Gesundheitswesen als Teil eines größeren sicherheitspolitischen Zusammenhangs. Es gehe darum, nicht nur im Alltag zu funktionieren, sondern auch in Ausnahmesituationen stabil zu bleiben. Resilienz bedeute, »Schäden begrenzen zu können« und das System auch unter Druck funktionsfähig zu halten.

»Wir gehen von einer Krise in die nächste«

Maria Paola Chiesi, Vizevorsitzende des italienischen Pharmaunternehmens Chiesi und Leiterin der Chiesi Foundation, sprach beim Kongress »WeAct Con« von Resilienz als einer »Fähigkeit, sich anzupassen, zu lernen und die Zukunft gemeinsam zu gestalten«. Kein einzelnes Unternehmen könne dies allein leisten – notwendig seien Partnerschaften für ein gemeinsames Gesundheitswesen. Ziel sei es auch, gemeinsam zu reflektieren, in welcher Art von Gesundheitssystem man leben wolle und Resilienz nicht als abstraktes Konzept zu sehen, sondern als konkrete Gestaltungsaufgabe zu begreifen.

Zudem sprach sie von einer zunehmenden »sustainability fatigue«, also einer Ermüdung gegenüber Nachhaltigkeitsdebatten in einer Zeit, in der sich Krisen aneinanderreihen. »Wir gehen von einer Krise in die nächste«, beschreibt sie die Dynamik und warnte davor, dass solche dauerhaften Disruptionen, wenn sie nicht aktiv gesteuert werden, zu einer Schwächung der Wirtschaft führen können. Zugleich sei klar, dass »die alte Welt wahrscheinlich nicht mehr da ist, aber die neue Welt ist risikoreicher«. Vor diesem Hintergrund plädierte sie dafür, Resilienz, Fairness und Nachhaltigkeit gemeinsam zu denken.

Um der Ermüdung gegenüber Nachhaltigkeit entgegenzuwirken, sei es entscheidend, nicht bei abstrakten Zielbildern zu bleiben, sondern konkret zu zeigen, dass Veränderung möglich ist. »Der Aufbau widerstandsfähiger Wirtschaftssysteme beginnt mit einem klaren Bekenntnis«, so Chiesi. Für sie bedeutet das auch eine grundsätzliche Haltung von Unternehmen: »Wir glauben, dass Unternehmen für etwas Größeres stehen sollten, um eine dauerhaft positive Wirkung für die Menschen und die Welt zu erzielen.« 

Zugleich macht sie deutlich, dass dieser Wandel nicht isoliert gelingen kann. Es sei wichtig, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen, um von der »Absicht ins Handeln zu kommen«. 

»Zukunft des Gesundheitssystems entsteht nicht im Alleingang«

Auch Leonardo Mallmann, Geschäftsführer von Chiesi, betonte die Stärken, aber auch die wachsenden Belastungen des Gesundheitssystems. Zwar verfüge Deutschland über ein starkes Gesundheitswesen mit engagierten Fachkräften und bewährten Strukturen, doch stehe dieses zunehmend unter Druck, etwa durch fragile Lieferketten. In dieser Situation brauche es mehr Priorisierung und Aufmerksamkeit, auch wenn Ressourcen knapp seien. Besonders deutlich werde, dass aus diesem kurzfristigem Stress inzwischen ein dauerhafter Zustand geworden sei.

Für Mallmann bedeutet Resilienz daher nicht nur die Fokussierung auf Krisen, sondern vor allem die Fähigkeit, Handlungsfähigkeit zu erhalten, Versorgung zu sichern und die Menschen im System , körperlich wie psychisch, zu schützen. Resilienz baue dabei auf bestehenden Strukturen auf und sei keine Aufgabe einzelner Organisationen, sondern eine systemweite Verantwortung. »Silos bremsen uns aus, Zusammenarbeit kann Handlungsfähigkeit erhöhen«, erklärte er.

Ein resilientes Gesundheitssystem lebe dabei auch vom Lernen und von der Nutzung von Synergien. Ziel sei es, ein gemeinsames Verständnis zu schaffen und daraus konkrete, umsetzbare Schritte abzuleiten. Sein Fazit: »Die Zukunft unseres Gesundheitssystems entsteht nicht im Alleingang.« 

Vertrauen als Stabilitätsanker notwendig

Die Autorin, Rednerin und Unternehmerin Kerstin Plehwe beschrieb beim Kongress mit ihrem Denkansatz »Die neuen Tugenden der Zukunftsmacher« eine Gesellschaft im tiefgreifenden Umbruch, in der klassische Sicherheiten zunehmend verschwinden. Sie spricht von einem grundlegenden Wegfall von Berechenbarkeit.

Dort, wo Sicherheit fehle, sei vor allem Vertrauen als Stabilitätsanker notwendig wird. Viele Menschen würden sich fragen: »Was ist Wahrheit und wem kann ich noch vertrauen?« Wenn diese Unsicherheit zunehme, könne dies zu »Dauerskepsis oder Rückzug« führen.

»Ich glaube, dass unsere Gesellschaft aufgrund der Entwicklungen im Dauerstress ist«, sagte Plehwe. Dieser Zustand sei geprägt von »Permakrisen und geopolitischer Unsicherheit«, technologischer Beschleunigung, Innovationsdruck, Polarisierung, Populismus, Desinformation sowie wachsendem Bürokratie- und Kostendruck. Diese Dynamiken würden zu einer Erosion gesellschaftlicher Stabilität führen, die sich auch in Wahlverhalten und Werteorientierungen widerspiegele. Besonders kritisch sieht sie die zunehmende Desinformation, bei der es teilweise nicht mehr möglich sei zu unterscheiden, ob beispielsweise ein Video real sei.

Vor diesem Hintergrund vergleicht sie die Gesellschaft mit einem überlasteten Immunsystem. Wie im Körper könne eine dauerhafte Überlastung zu Entzündungen, Erschöpfung oder sogar zum Zusammenbruch führen. Entsprechend sinke auch in Organisationen die Handlungsfähigkeit, je stärker der äußere Druck wachse. Obwohl eigentlich proaktives Handeln nötig wäre, müsse Resilienz zunächst neu gelernt werden.

Mut und Verantwortung als Schlüssel

Zentral war für Plehwe die Frage, wie Resilienz überhaupt entstehen kann. »Nur in einem gesamt-resilienten System können resiliente Individuen leben.« Nachhaltigkeit und andere zentrale gesellschaftliche Werte stünden unter enormem Druck. Dabei sei das Problem nicht ein Mangel an Wissen, sondern dessen Umsetzung. Ihre Antwort darauf ist nicht primär mehr Regulierung, sondern ein »neuer Stil«: Mut und Verantwortung als Schlüssel. Dieser Mut sei jedoch unbequem, denn er bedeute auch, anzuerkennen, »in welcher Situation wir sind«, ohne zu moralisieren, sondern mit realistischer Analyse.

Mut bedeute außerdem, Konsequenzen mitzudenken und neue Formen des Miteinanders zu entwickeln. Dazu gehöre Empathie ebenso wie der Schutz der eigenen Stärke sowie die Fähigkeit, auf allen Ebenen neu zu denken und Innovation zu fördern. Man müsse sich immer wieder fragen: »Wo ist in den aktuellen Schwierigkeiten die Chance?« Gemeinsame Lösungen bräuchten gemeinsame Werte und Ziele.

Auch im Gesundheitskontext verweist sie auf strukturelle Herausforderungen wie fragile Lieferketten, die sowohl Angst als auch rationale Handlungsnotwendigkeiten erzeugen. Die Zukunft entstehe dabei nicht allein durch Resilienz, sondern durch Anpassung und aktive Neugestaltung. Ebenso wichtig sei eine veränderte Kommunikation: Entscheidend sei echtes Zuhören und nur durch aufmerksames Zuhören könnten bessere Fragen entstehen.

In diesem Sinne plädierte sie für eine neue Form von Führung, die auch Unsicherheit aushält und Mut stärker belohnt, um eine Grundlage für eine Gesellschaft zu schaffen, die nicht n Unsicherheit erstarrt, sondern handlungsfähig bleibt.

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