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Großbritannien

Regierung nimmt Grünes Rezept wörtlich

Spaziergänge im Wald, Joggen im Park, Gemüse anbauen – im Zuge des Covid-19-Wiederaufbauplans investiert die britische Regierung umgerechnet knapp 4,4 Millionen Euro in ein Pilotprojekt, in dem Ärzte Patienten grüne Verordnungen ausstellen – im wahrsten Sinne des Wortes. 
Jennifer Evans
28.07.2020  16:40 Uhr

Als Ergänzung zu konventionellen Therapien empfehlen einige Ärzte ihren Patienten schon seit Jahren, mehr mit der Natur in Kontakt zu treten. Die positiven Einflüsse solcher grünen Verschreibungen will die britische Regierung nun im Rahmen eines Pilotprojekts genauer unter die Lupe nehmen. Grund dafür ist, dass es immer mehr Hinweise gibt, unter anderem von der Weltgesundheitsorganisation WHO, wie die physische und psychische Gesundheit nachhaltig von Ausflügen ins Grüne profitieren kann.

Generell animieren Grünflächen zu mehr Aktivität, fördern die Entspannung und soziale Interaktionen, berichtet Anna Jorgensen, Leiterin des Fachbereichs Landschaftsarchitektur an der Universität Sheffield. Sie forscht schwerpunkmäßig rund um die Themen Gesundheit und Wohlbefinden im städtischen Umfeld. Auch gebe es Anzeichen dafür, dass der Kontakt mit Mikroorganismen unser Immunsystem trainieren kann, in dem etwa die mikrobielle Gemeinschaft auf der Haut, in den Atemwegen und im Darm gestärkt wird. Diese Mirkrobiome könnten unter anderem eine Rolle dabei spielen, wie unser Körper auf Infektionen wie beispielsweise mit SARS-CoV-2 reagiert, hebt sie in ihrem Beitrag auf der Wissenschaftsnachrichten-Plattform »The Conversation« hervor.

Ganzheitliche Behandlung hat Potenzial

Das Potenzial der Grünen Rezepte liegt für die Wissenschaftlerin auf der Hand. In ihren Augen sollten solche Verschreibungen in Zukunft grundsätzlich Teil von ganzheitlichen Behandlungskonzepten sein. Sie warnt aber davor, Grüne Rezepte nicht bloß als »kostengünstige Alternative anstelle konventioneller Therapien« zu betrachten. Um effektive Ergebnisse in diesem Bereich zu erzielen, brauchen auch diese Methoden entsprechende Ressourcen, so Jorgensen. Daher fordert sie die Politik auf, auch nach der zweijährigen Projektphase weiter in diesen Bereich zu investieren, weil der holistische, also der ganzheitliche, Ansatz Zeit brauche, sich in der Gesellschaft zu etablieren. Zudem fordert sie, mehr Grünflächen anzulegen, um auch Menschen in benachteiligten Wohngegenden den Zugang zur Natur zu erleichtern. Auch vielen Ärzten fehlt nach Jorgensens Auffassung tieferes Wissen über die Vorteile der grünen Verschreibungen. Für die Mediziner müsse außerdem der Prozess einer solchen Rezeptausstellung im Arbeitsalltag einfach gestaltet sein, damit in Zukunft häufiger darauf zurückgreifen.

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