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Diabetes mellitus

Rechtzeitig und regelmäßig zum Augenarzt

Wer die Diagnose Typ-2-Diabetes bekommt, sollte auch direkt und dann regelmäßig zum Augenarzt, um einen Sehverlust zu vermeiden. Denn das Therapiefenster ist klein.
Christiane Berg
20.10.2020  07:00 Uhr

Bei der Erstdiagnose eines Typ-2-Diabetes mellitus sollte umgehend eine augenärztliche Untersuchung erfolgen, zumal bei einem Teil der Patienten zu diesem Zeitpunkt bereits Netzhautkomplikationen bestehen, rät die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG). Bei bereits manifestierter Retinopathie sollte diese Kontrolle leitliniengemäß jährlich oder gegebenenfalls noch engmaschiger durchgeführt werden. Die Realität sieht anders aus.

»Die bei Neudiagnose eines Diabetes mellitus Typ 2 dringend notwendige augenärztliche Untersuchung findet nur bei einem Drittel aller Betroffenen statt«, kritisierte Professor Dr. Hans-Peter Hammes in einem Statement der DDG anlässlich der ihrer Herbsttagung im November. Das sei besonders fatal, da studiengemäß bereits rund 30 Prozent aller neu diagnostizierten Diabetes-Typ-2-Patienten entsprechende Netzhautveränderungen zeigen. Auch zwei Jahre nach der Erstdiagnose habe noch immer erst die Hälfte der Betroffenen einen Augenarzt konsultiert. »Ein wichtiges Zeitfenster für die Behandlung hat sich dann häufig bereits geschlossen.« Und: »Einmal eingetretene Schäden sind kaum reversibel«, hob der Diabetologe hervor, der von »vergebenen Chancen« sprach.

Die diabetische Retinopathie wird leitliniengemäß unter anderem mittels panretinaler Laserkoagulation beziehungsweise in fortgeschrittenen Stadien und insbesondere bei gleichzeitigem Vorliegen eines diabetischen Makulaödems durch intravitreale Medikamenteneingabe (IVOM) von VEGF-Inhibitoren wie Aflibercept und Ranibizumab therapiert.

Privatdozent Dr. Klaus Dieter Lemmen, Sprecher der DDG-Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Auge, hob hervor, dass bei rechtzeitiger Diagnose und Therapie ein weiterer Sehverlust zumeist gebremst oder gar gestoppt werden kann. Anders als der Typ-1- verursache der Typ-2-Diabetes meist keine auffälligen Symptome und bleibe ohne augenärztliche Kontrolle zunächst nicht selten unentdeckt. Gleichwohl könnten hohe Blutzuckerwerte bereits kleinste Blutgefäße in verschiedenen Organen und so auch in der Retina schädigen.

Wird die diabetische Retinopathie und/oder Makulopathie zu den mikrovaskulären Komplikationen des Diabetes mellitus gezählt, so kann es zu einem möglichen Sehverlust durch eine pathologisch gesteigerte Kapillarpermeabilität sowie durch progressive Kapillarverschlüsse mit Ischämie und Gefäßproliferationen kommen. Als Spätfolgen werden Glaskörperblutungen, Netzhautablösungen und neovaskuläre Glaukome mit deutlichen Sehbeeinträchtigungen (»Rußregen«) bis hin zur Erblindung beschrieben.

Als starke Risikofaktoren für die Entstehung beziehungsweise rasche Progression einer diabetischen Retinopathie und/oder Makulopathie gelten unter anderem die Diabetesdauer, der Grad der Hyperglykämie sowie vor allem eine gleichermaßen vorliegende arterielle Hypertonie und/oder diabetische Nephropathie. Betroffene sollten daher besonders sorgfältig und konsequent, sprich: normnah eingestellt und therapiert werden, konstatierte Hammes.

Seien Nierenschäden bereits nachweisbar, müsse mit einer noch schnelleren Progression der bestehenden Retinopathie bis hin zu visusbedrohenden Stadien gerechnet werden. »Hier besteht sowohl diabetologisch als auch ophthalmologisch besonders großer Handlungsbedarf«, unterstrich der Mediziner mit Verweis auf die Notwendigkeit des leitliniengerechte Augen-Screenings.

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