| Annette Rößler |
| 19.03.2026 16:20 Uhr |
Die Anwendung von Psilocybin bei depressiven Patienten soll unter kontrollierten Bedingungen und mit Begleitung eines Therapeuten erfolgen. / © Getty Images/microgen (Symbolbild)
Psychedelika gelten – auch in Ermangelung anderer potenter Wirkstoffe in der Pipeline – als Hoffnungsträger in der Therapie von psychischen Erkrankungen. Sie zeichnen sich durch einige Besonderheiten aus: Die psychedelische Erfahrung, die als therapeutisch wirksames Agens angesehen wird, ist vorübergehend, während die Wirkung beispielsweise bei Depression anhält. Wie stark der Effekt ist, hängt dabei auch von einer begleitenden Psychotherapie ab, in die die Anwendung der Substanz eingebettet werden muss.
Das macht es schwierig, in Studien den Effekt des Psychedelikums isoliert zu betrachten. Auch eine Verblindung ist wegen der deutlich zu spürenden Wirkung kaum möglich. Zudem hat die Erwartung des Patienten wahrscheinlich einen nicht geringen Anteil an der Wirkung.
Die EPISODE-Studie, deren Ergebnisse nun im Fachjournal »JAMA Psychiatry« publiziert wurden, adressierte diese Probleme mit einem ausgeklügelten Design: Es gab gleich zwei aktive Vergleichsgruppen und im Verlauf der Studie erhielt jeder Teilnehmende mindestens einmal das Verum, nämlich Psilocybin in einer Dosis von 25 mg. Die Studie wurde von Forschenden um Lea J. Mertens vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim am ZI und an der Berliner Charité durchgeführt.
142 Patienten mit therapieresistenter Depression (TRD) erhielten im Verhältnis 2:2:1:1 randomisiert im Abstand von sechs Wochen entweder
Alle Patienten hatten zuvor ihre antidepressive Medikation abgesetzt und erhielten während des Studienzeitraums eine Psychotherapie, in die die Anwendung der Studienmedikation eingebunden war. Der primäre Endpunkt war eine Besserung um mindestens 50 Prozent auf der Hamilton Rating Scale for Depression (HAMD17) in Woche 6 vor der zweiten Anwendung. Dies trat nach der Gabe von 25 mg Psilocybin bei 17 Prozent der Patienten ein, nach der Gabe von 5 mg Psilocybin bei 12,5 Prozent der Patienten und nach der Gabe von Nicotinamid bei 10,6 Prozent der Patienten. Somit konnte im primären Endpunkt kein statistisch signifikanter Vorteil für Psilocybin 25 mg nachgewiesen werden.
Zu den sekundären Endpunkten zählte eine Besserung der Symptomatik auf der HAMD17 oder auf einer anderen Depressionsskala (Beck Depression Inventory II, BDI-II) über die sechs Wochen. Hier zeigte sich ein statistisch signifikanter Vorteil für Psilocybin 25 mg gegenüber den Vergleichsgruppen. Die Autoren sehen daher durch das Psychedelikum eine »klinisch bedeutsame Verringerung depressiver Symptome« gegeben.
Die Behandlung sei von den meisten Patienten gut vertragen worden, obwohl »Sicherheitssignale« aufgetreten seien. Dies waren hauptsächlich akute Nebenwirkungen des Psychedelikums, aber auch vermehrte Suizidgedanken. Zwei Teilnehmende hatten ernste Nebenwirkungen, darunter einer mit einer anhaltenden Halluzinationsstörung.
Unabhängige Experten loben das Studiendesign und den Beitrag, den die Studie für die Beurteilung des Stellenwerts von Psilocybin in der Depressionsbehandlung leistet. »Die Daten sind für mich sehr stimmig und reflektieren die klinische Wirksamkeit wohl realistischer als frühere Studien mit weniger strenger Methodik«, sagte Professor Dr. Matthias Liechti, Pharmakologe am Universitätsspital Basel in der Schweiz. Trotz der verfehlten statistischen Signifikanz im primären Endpunkt hält er das Ergebnis für klinisch relevant und vielversprechend.
Zurückhaltender äußert sich Professor Dr. Gregor Hasler, Ordinarius für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Freiburg in der Schweiz: »Der negative primäre Endpunkt ist klinisch entscheidend und lässt sich durch sekundäre Analysen nicht kompensieren. Insgesamt relativiert die Studie damit die bislang sehr optimistischen Erwartungen an Psilocybin als Antidepressivum.« Hasler verweist auch auf die Nebenwirkungen. Diese seien bei so schwer erkrankten Patienten »leider nicht überraschend« und verdeutlichten, wie wichtig bei psychedelischen Therapien die gründliche Vorbereitung, Betreuung und Nachsorge sind.
Liechti geht dennoch davon aus, dass es in den kommenden Jahren Zulassungsanträge für Psychedelika geben wird, zunächst in den USA. »In Europa dürften Behandlungen vorerst noch für einige Zeit nur in Studien oder in speziellen limitierten Zugangsprogrammen möglich sein. Längerfristig wird sich die Behandlung aber vermutlich als Zweitlinientherapie oder für einen Teil der Patienten etablieren«, so seine Einschätzung.