| Melanie Höhn |
| 10.06.2026 16:15 Uhr |
Der BPI-Hauptgeschäftsführer Kai Joachimsen (links) und der BPI-Vorsitzende Oliver Kirst. / © BPI
Die Geschichte des BPI ist eng mit der Entwicklung der Arzneimittelversorgung und Arzneimittelsicherheit in Deutschland verbunden. Gegründet wurde der Verband am 23. Februar 1951 in Bad Homburg, nachdem sich die pharmazeutische Industrie bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in regionalen Verbänden organisiert hatte. Unter dem ersten Vorsitzenden Karl Merck entwickelte sich der BPI zur zentralen Interessenvertretung der deutschen Pharmaindustrie.
Zu den ersten wichtigen Aufgaben des BPI gehörte die Herausgabe der »Roten Liste«, die bis heute als wichtiges Verzeichnis aller in Deutschland zugelassenen Arzneimittel dient. Bereits in den 1960er-Jahren setzte sich der Verband intensiv für ein modernes Arzneimittelrecht ein und wirkte maßgeblich am ersten deutschen Arzneimittelgesetz von 1961 mit. Die Contergan-Katastrophe desselben Jahres führte zu einem verstärkten Fokus auf Arzneimittelsicherheit.
Ein weiterer Meilenstein war die Einführung des »Roten-Hand-Briefs« im Jahr 1969. Auch die Verpflichtung zu verständlichen Packungsbeilagen und die später berühmt gewordene Warnformel »Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker« gehen auf Initiativen des BPI zurück.
In den 1970er-Jahren begleitete der Verband die Entstehung des zweiten Arzneimittelgesetzes, das erstmals umfassende Nachweise für Qualität, Wirksamkeit und Sicherheit von Medikamenten verlangte.
Nach der deutschen Wiedervereinigung unterstützte der BPI die Integration der ostdeutschen Pharmaindustrie in die Marktwirtschaft. Eine tiefgreifende Veränderung erlebte der Verband 1993 mit der Gründung des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (vfa). Der BPI positionierte sich daraufhin neu als Interessenvertretung der mittelständisch geprägten Pharmaunternehmen und stellte die Sicherung der Therapievielfalt in den Mittelpunkt seiner Arbeit. Ein bedeutender politischer Erfolg war 1995 die Verhinderung einer sogenannten Positivliste, die die Auswahl verfügbarer Arzneimittel deutlich eingeschränkt hätte.
Mit dem Umzug nach Berlin im Jahr 1999 rückte der Verband näher an die politischen Entscheidungszentren. In den folgenden Jahren stärkte der BPI seine Rolle als Unternehmerverband, gründete 2007 mit dem Verein »Arzneimittel und Kooperation im Gesundheitswesen« (AKG) eine Organisation zur freiwilligen Selbstkontrolle der Branche.
Um auch den mittelständischen Pharmaunternehmen eine starke Stimme zu geben, gründete der BPI 2012 mit anderen europäischen Verbänden und pharmazeutischen Unternehmen die »European Confederation of Pharmaceutical Entrepreneurs« (EUCOPE). Auf europäischer Ebene eröffnete 2018 der BPI als erster deutscher Pharmaverband eine eigene Repräsentanz in Brüssel.
Seit 2014 hat der Verband das Thema Engpässe in der Arzneimittelversorgung auf die politische Agenda gesetzt. Das Kernproblem sieht der Verband in den allein auf den Preis fixierten Rabattvertragsausschreibungen der Krankenkassen: Die Erstattungsbeträge der Kassen seien so gering, dass eine Arzneimittelproduktion in Deutschland oder Europa vielfach nicht mehr wirtschaftlich sei. Die Produktion wandere nach Asien, die Abhängigkeit von dortigen Lieferanten und Produzenten wächst. Außerdem nehme die Marktkonzentration zu, was die Risiken von Lieferengpässen zusätzlich vergrößere.
Während der Covid-19-Pandemie stand der BPI vor großen Herausforderungen und unterstützte seine Mitgliedsunternehmen in enger Abstimmung mit der Bundesregierung und den Ministerpräsidenten bei der Sicherstellung der Arzneimittelversorgung. Der Verband setzte sich nach eigenen Angaben für den Ausbau von Produktionskapazitäten und stabiler Lieferketten ein, machte die Leistungen der Pharmaindustrie bei der schnellen Entwicklung von Impfstoffen sichtbar und engagierte sich zugleich für verhältnismäßige staatliche Maßnahmen, um die Auswirkungen der Pandemie auf Unternehmen möglichst gering zu halten.
In den darauffolgenden Jahren rückten die Bedeutung der pharmazeutischen Industrie und die Verletzlichkeit globaler Lieferketten stärker in den politischen Fokus. Mit der 2023 beschlossenen Nationalen Pharmastrategie griff die Bundesregierung zentrale Forderungen des BPI auf, insbesondere zur Stärkung des Forschungs- und Produktionsstandorts Deutschland. Der Verband positionierte sich weiterhin als geschlossene Interessenvertretung und betonte die Relevanz stabiler Rahmenbedingungen für Versorgungssicherheit und Innovation.
Im Koalitionsvertrag 2025 wurde formuliert, dass Deutschland die industrielle Gesundheitswirtschaft stärken und insbesondere Pharma- und Medizintechnik als Leitwirtschaft ausbauen will. »Deutschland soll weltweit Innovationsstandort Nummer eins werden. Das gilt so lange, bis Finanzprobleme der GKV auf den Tisch kommen«, kritisierte Kai Joachimsen. »Da wird eine gesamte Industrie zum Kostenfaktor degradiert.«
Für den BPI-Vorsitzenden Oliver Kirst steht fest: »Es ist und bleibt unsere zentrale Aufgabe, den politischen Entscheidern klarzumachen, welche Bedeutung unsere Industrie hat und was auf dem Spiel steht – für den Wirtschaftsstandort und für die Patientenversorgung.« Kirst und Joachimsen betonten daher die Notwendigkeit struktureller Reformen. »Wir müssen die Strukturen des Systems reformieren, weil sonst mit jedem Gesetz unser Gesundheitswesen vielleicht billiger, aber auf keinen Fall besser wird«, so Kirst.
Mit dem Bündnis »Gute Gesundheit 2030« brachte der BPI erstmals zahlreiche Akteure des Gesundheitswesens, darunter auch Apothekerinnen und Apotheker, zusammen, um sektorübergreifend Lösungen für zentrale Herausforderungen zu entwickeln. »Wir sind da auf dem richtigen Weg, gemeinsam und mit der Politik Lösungen zu finden. Eine Strukturreform ist keine leichte Aufgabe. Aber nur so werden wir unser Gesundheitssystem leistungsfähiger und zukunftssicher machen«, erklärte Kirst.
Den »Critical Medicines Act« sieht Kirst als Chance, den Entwicklungs- und Produktionsstandort Europa voranzubringen. »Denn es müssen die richtigen Lehren aus der Pandemie gezogen werden. Wir müssen die Abhängigkeit von Asien verringern, die Gesundheitsversorgung muss resilienter werden. Noch sind weder die EU noch Deutschland auf Krisenfälle vorbereitet, von Schlimmerem ganz zu schweigen.« Sicherheit sei der Schlüsselbegriff. »Wir garantieren Arzneimittelsicherheit, wir brauchen Standortsicherheit im Sinne guter Rahmenbedingungen und wir wollen Versorgungssicherheit bieten«, so Kirst weiter. Lieferengpässe seien eine »traurige Normalität, an die wir uns nicht gewöhnen dürfen«.
In diesem Zusammenhang erklärte Joachimsen, dass die BPI-Sicherheitsstrategie dazu konkrete Vorschläge enthalte. »Das ist quasi unsere Roadmap für die Beratungen über ein Gesundheitssicherstellungsgesetz, das bald kommen soll und dringend nötig ist. Gesundheitspolitik ist Standortpolitik, Gesundheitspolitik ist auch Sicherheitspolitik. Wir sind Teil der kritischen Infrastruktur.«