Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Veränderte Wahrnehmung
-
Plötzlich alle Zeit der Welt

Ein geplantes Meeting wird kurzfristig abgesagt und plötzlich hat man das Gefühl, endlos Zeit zu haben? Eine Studie bestätigt, dass unerwarteter Zeitgewinn die Wahrnehmung verändert.
AutorKontaktBarbara Döring
Datum 22.06.2026  08:00 Uhr

Auf den letzten Drücker ein Meeting absagen, in der Hoffnung, dass die Mitarbeitenden die gewonnene Zeit effektiver nutzen, als sie es sonst tun würden? Das könnte funktionieren, aber auch nach Hinten losgehen, wie eine im Journal of the Association for Consumer Research veröffentlichte Studie zeigt. Um zu ermitteln, wie Menschen auf unverhofften Zeitgewinn reagieren, führte die Hauptautorin Gabriela Tonietto, außerordentliche Professorin für Marketing an der Rutgers Business School in Newark, New Jersey, mit Kolleginnen und Kollgen der Ohio State University, der University of Toronto und der Peking University sieben Umfragen durch. Die mehr als 2300 Teilnehmenden rekrutierten die Forschenden auf dem jeweiligen Campus ihrer Universität und über Online-Plattformen wie Prolific.

In den ersten vier Umfragen sollten die Befragten bewerten, wie sie unverhofft gewonnene Zeit im Vergleich mit gleichlangen freien Zeitperioden wahrnehmen. Die statistische Auswertung zeigt, dass sich unerwartet gewonnene Zeitintervalle subjektiv länger anfühlen. Eine geschenkte Stunde nahmen die Teilnehmenden ausgedehnter wahr als eine Stunde, die immer frei war.

»Gewonnene Zeitintervalle werden ausschließlich anhand des Bezugspunkts keine freie Zeit zu haben beurteilt, was zu einem Kontrasteffekt bei der subjektiven Einschätzung der Dauer führt«, schreiben die Autoren. Als Folge fühlten sich gleichlange Zeitintervalle länger an, wenn sie unerwartet hinzukämen, als wenn vorher bereits klar gewesen sei, dass die Zeit frei ist.

Zeitpläne neu gestalten

Mit den drei weiteren Umfragen untersuchte das Wissenschaftlerteam, wie sich die Teilnehmenden bei unverhofftem Zeitgewinn verhielten. Sie wollten unter anderem wissen, ob sie wegen des veränderten Zeitgefühls etwa eine 45-minütige Aufgabe einer 30-minütigen Tätigkeit vorziehen würden oder ob sie lieber in ein Café gingen – anstatt sich noch schnell eine Tasse Kaffee zu holen.

Tatsächlich wählten die Befragten längere Aktivitäten, egal ob sie in der Zeit arbeiten oder eine Pause einlegen wollten. Das reine Gefühl des Zeitgewinns machte demnach mehr möglich. Die Ergebnisse könnten laut der Forschenden helfen, Zeitpläne zu gestalten, die Flexibilität erlauben, ohne zur Prokrastination zu führen.

Die Autorinnen und Autoren gehen allerdings nicht davon aus, dass Chefs Meetings künftig plötzlich absagen, um Mitarbeitende zu mehr Arbeit zu bewegen. Denn je unerwarteter der Zeitgewinn ist, umso wahrscheinlicher sei es, dass man eine Pause wähle, heißt es. Sie raten Beschäftigten vielmehr, die gewonnene Zeit als Geschenk zu sehen und das Beste daraus zu machen – wie auch immer man das definiere.

THEMEN
Studium
Mehr von Avoxa