Der Pilz als Freund und Feind |
| 25.09.2000 00:00 Uhr |
Genome aufklären, Virulenzfaktoren bestimmen, gezielte Angriffspunkte identifizieren bei bakteriellen Erregern ist dies alles fast schon eine Selbstverständlichkeit. Nicht so bei Pilzen. Pilze wachsen langsamer und haben kompliziertere Stoffwechsel, sie waren daher als Studienobjekte bislang nicht allzu beliebt. Doch das Wissen auf diesem Gebiet nehme zu, berichtete Professor Dr. Hans Christian Korting, Ludwig Maximilians-Universität München, auf einer Pressekonferenz anläßlich der Tagung der Deutschsprachigen Mykologischen Gesellschaft in Berlin.
Beispielsweise kennen die Wissenschaftler inzwischen bei infektiösen Pilzen neben Phospholipasen eine ganze Familie von Proteasen. Diese spalten Eiweiß am Aspartat um ihren Wirt zu schädigen. Die bessere Konstitution der Aidspatienten sei daher nicht der einzige Grund dafür, dass Candida-Infektionen unter der Therapie mit Proteasehemmern zurückgingen, berichtete Korting. Tendenziell allerdings nehmen Pilzinfektionen als Begleiterscheinung anderer Grunderkrankungen zu. Grund seien vor allem die immer agressiveren Behandlungen, die den Patienten schwächten, meinte Professor Dr. Herbert Hof vom Universitätsklinikum Mannheim.
Deutlich zugenommen hat auch eine Pilzerkrankung, die nicht nur immunschwache Patienten trifft. 10 000 Fälle einer von Tieren übertragenen Microsporie gebe es in Deutschland, schätzte Professor Dr. Hans-Jürgen Tietz von der Charité in Berlin. Der Pilz Microsporum canis wird von Hunden und vor allem Katzen auf den Menschen übertragen. Insbesondere Kinder bringen den Pilz von kuscheligen Urlaubsbekanntschaften mit, was nicht heißt, dass nicht auch einheimische Katzen Infektionsquelle sein können. Der Pilz verursacht auf der Haut, größtenteils an Gesicht und Unterarmen, kreisrunde, stark juckende, entzündete Herde. Durchschnittlich vier bis sechs Wochen muss systemisch vor allem mit Griseofulvin oder Fluconazol behandelt werden. Ist auch die behaarte Kopfhaut betroffen (Tinea capitis), kann eine Therapie über vier bis acht Monate nötig sein. Gleichzeitig sollten Haustiere vom Tierarzt behandelt und Polster sowie Teppiche gründlich gereinigt werden. In Katzenhaaren beispielsweise überlebten die Sporen bis zu zwei Jahren, sagte Tietz.
Persistierend: Nagelpilze
Dauerthema in der Mycologie sind Nagelpilze. Die gute Nachricht: Es ist heute obsolet den Nagel zu ziehen. Die schlechte Nachricht: dicke Nägel müssen oft doch entfernt werden, dann aber schonender mit nagellösenden Salben. Folgendes Stufenschema empfahl Professor Dr. Claus Seebacher von der Hautklinik desKrankenhauses Dresden-Friedrichstadt. Jeder Patient mit Verdacht auf Nagelpilzbefall müsse zur Sicherung der Diagnose zum Facharzt, da es ähnlich aussehende Erkrankungen wie die Nagelpsoriasis gebe. Wenn der Nagel nur zur Hälfte erkrankt ist, kann eine lokale Therapie mit Amorolfin- oder Ciclopirox-Nagellack ausreichen. Ist die Nagelmatrix (der Halbmond) mitbefallen, muss zusätzlich über sechs bis neun Monate systemisch behandelt werden. Als Wirkstoffe kommen Griseofulvin, Terbinafin, Itraconazol oder Fluconazol in Frage. Die Zulassung von Fluconazol soll in Kürze um die Indikation Nagelpilzerkrankungen erweitert werden. Der Hersteller hat einen entsprechenden Antrag eingereicht.
Pilzsubstanz schützt Organe
Wie andere Naturprodukte liefern auch Pilze eine unerschöpfliche Anzahl von Strukturen, die sich möglicherweise als Ausgangsstoffe für Medikamente eignen. Penicilline und Cephalosprine sind die Klassiker. Weniger bekannt ist, dass auch die Grundstruktur lipidsenkender Statine von Pilzen produziert wird. Korting berichtete von zwei weiteren Substanzen, die derzeit im Gespräch sind: Echinocandin ist in den USA bereits als systemisches Therapeutikum bei Innenorganmykosen zugelassen. Mycophenolsäure wurde durch Einführung einer Seitenkette so derivatisiert, dass es peroral deutlich besser resorbiert wird. Das Derivat wird gegen Transplantatabstoßungen eingesetzt. Es war in Heilversuchen aber auch bei Autoimmunerkerankungen wie dem bullösen Pemphigoid, einer autoimmunen Hauterkrankung, wirksam.
Wie Korting weiter berichtete, gibt es ferner einen Hersteller, der versucht Impfstoffe
anstatt aus Bakterien aus gentechnisch veränderten Pilzen zu gewinnen.
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