Angst vor Brustkrebs unbegründet |
| 13.11.2000 00:00 Uhr |
Noch immer lehnen zahlreiche Frauen in Klimakterium und Postmenopause eine Hormontherapie ab. Wichtigster Grund: Die Betroffenen befürchten, dass durch die eingenommenen Hormone das Brustkrebsrisiko steigt oder Blutungen wieder einsetzen. Häufig sind die Patientinnen allerdings nicht ausreichend über den Nutzen der Hormone zum Beispiel zur Osteoporoseprophylaxe aufgeklärt.
"Die Angst, dass eine Substitution im Klimakterium Brustkrebs auslöst, ist völlig unbegründet", stellte Professor Dr. Thomas Holst von der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg Anfang November bei einer Pressekonferenz von NovoNordisk in Köln klar. Eine Hormonersatztherapie (HRT) über einen Zeitraum von bis zu fünf Jahren habe keinen Einfluss auf die Inzidenz eines Mammakarzinoms. Und auch nach längerer Behandlung habe man bisher nur einen sehr geringen Effekt beobachtet. Die zugeführten Hormone könnten mit der Tumorentstehung nichts zu tun haben, sondern wirkten höchstens wachstumsfördernd auf bereits vorhandene entartete Zellen, spekulierte er.
Holst bedauerte in seinem Statement die mitunter einseitige Berichterstattung über die HRT in den Publikumsmedien. Frauen würden mit tendenziösen Aussagen vor der Einnahme von Hormonen in Klimakterium und Postmenopause gewarnt. Dagegen thematisiere man andere Risikofaktoren für Brustkrebs wie zum Beispiel den Genuss von mehr als 5 g Alkohol pro Tag, einen Bodymass-Index über 29 oder eine späte erste Schwangerschaft oft nicht. "Die Presse zeichnet ein völlig verzerrtes Bild", kritisierte er.
Auch Dr. Alfred Mück von der Universitäts-Frauenklinik Tübingen warnte davor, eine Hormontherapie voreilig abzulehnen. Inzwischen hätten Wissenschaftler sogar zahlreiche Hinweise auf Zusammenhänge zwischen einem Estradiolmangel und kardiovaskulären Veränderungen, zum Beispiel steigenden LDL-Spiegeln und Gefäßtonus, beschrieben. Die Laborparameter erlaubten jedoch noch keine Aussage, ob sich die Estradiolsubstitution auch in der Klinik günstig auswirke.
Bis jetzt liegt laut Mück nur eine placebokontrollierte Studie zur Sekundärprävention koronarer Herzkrankheiten vor. Dort habe eine Substitution mit equinen Estrogenen (0,6 mg täglich) und 2,5 mg Medroxyprogesteronacetat allerdings keinen protektiven Effekt gezeigt. Die Ergebnisse dürften aber nicht einfach auf andere Gestagene übertragen werden. Mück: "Bis jetzt gibt es einfach noch zu wenige Studiendaten."
Seiner Meinung nach ist es logisch, zur Prophylaxe menopausaler Beschwerden die Substanz zu substituieren, die dem Organismus fehlt: humanes Estradiol, und das möglichst niedrig dosiert. Als Gestagenkomponente empfahl er Norethisteronacetat (NETA). Im Gegensatz zu anderen Gestagenen stimuliere NETA nicht die Expression arterieller Thrombinrezeptoren. Diese spielen eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Thrombose und Arteriosklerose.
Im Gegensatz dazu konnten Wissenschaftler in einer Vielzahl von Studien positive Effekte der Estrogene auf den Knochenstoffwechsel belegen. "Die HRT ist nach wie vor die Behandlung der Wahl in Osteoporoseprävention und -therapie", bekräftigte Dr. Peyman Hadji, Mediziner am Zentrum für Frauenheilkunde an der Uni Marburg. Den positiven Einfluss des Hormons auf den Knochenstoffwechsel hätten Wissenschaftler in zahlreichen Studien belegt.
"Die Hormontherapie kann nur ein winziger Teil eines modernen Behandlungskonzeptes sein", bemerkte Professor Dr. Alfred S. Wolf aus Ulm. Ärzte müssten endlich lernen, über ihren medizinischen Horizont hinauszublicken. Es ginge nicht nur darum, die Lebenserwartung zu erhöhen, sondern auch chronisches Kranksein zu verkürzen, das an fast jedem Lebensende steht. Nach Meinung von Wolf spielen Prävention und Gesundheitsförderung in Deutschland nach wie vor eine untergeordnete Rolle. Das tödliche Quartett - Insulinresistenz, Hypertonie, Dyslipoproteinämie und Adipositas - breite sich gerade unter älteren Frauen rasant aus. Der Anteil der Frauen mit kardivaskulären Erkrankungen sei in den letzten zehn Jahren stark gestiegen. "Schlechte Lebensführung und Übergewicht werden heute einfach akzeptiert", kritisierte der niedergelassene Mediziner. Gerade unter Älteren sei Sport nach wie vor wenig beliebt.
Wolf schreibt der Lebensstilberatung einen hohen Stellenwert zu. Dabei stehen eine gesunde und ausgewogene Ernährung sowie Sport im Mittelpunkt. Zusätzlich dürften Untersuchungen zur Früherkennung nicht vernachlässigt werden. Im österreichischen Bundesland Vorarlberg hätten Mediziner schon vor 25 Jahren mit "Frauen plus" ein Präventionsprogramm entwickelt. Der Gesundheitsstatus der Frauen wird zunächst anhand wichtiger Parameter wie Body-Mass-Index, Taille/Hüft-Quotient, Blutdruck und den Cholesterolwerten bewertet. Untersuchungen zur Früherkennung wie Hämocult-Test, Knochendichtemessung und Mammographie ergänzen die Anamnese. Anhand der erhobenen Daten beraten die Mediziner ihre Patientinnen dann eingehend zu Fragen des Lebensstils und zur Pharmakotherapie.
Natürlich müssen auch die Vorarlbergerinnen diese medizinischen Leistungen aus der eigenen Tasche zahlen. Immerhin schlägt das komplette Vorsorgeprogramm derzeit mit 400 bis 500 DM zu Buche. Lediglich die Mammographie übernimmt die Krankenversicherung. Die meisten Frauen im Nachbarland seien aber bereit, soviel Geld für ihre Gesundheit auszugeben, berichtete Wolf. Oft schenkten sogar Töchter ihren Müttern das Vorsorgepaket.
Estrogene beeinflussen auf vielfältige Art und Weise den Körper und das
Wesen einer Frau. Sie sind an der Entwicklung der Geschlechtsmerkmale beteiligt, steuern
den Monatszyklus, fördern den Haarwuchs auf dem Kopf, steigern die Konzentrations- und
Merkfähigkeit, fördern die Elastizität und Durchblutung der Haut, bewirken eine
Durchfeuchtung der Schleimhäute in der Vagina und fördern den Knochenaufbau.
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