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Symbol der Erschöpfung
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Pferdestärke im Leerlauf

Der italienische Künstler Maurizio Cattelan will den Blick schärfen – für Geschichte, Macht und Erinnerung. Seine Werke bewegen sich zwischen Ironie und Ernst. Einige enthalten auch die Warnung, wie bewegungsunfähig uns kollektive Erschöpfung macht.
AutorKontaktJennifer Evans
Datum 15.09.2026  08:00 Uhr

Die Neue Nationalgalerie präsentiert die erste Einzelausstellung des italienischen Künstlers Maurizio Cattelan in Deutschland. Indem er seine Bilder und Figuren subtil verändert, verschiebt sich ihre Bedeutung – und verunsichert uns. Auf diese Weise fordern seine Werke dazu auf, unser Wertesystem zu hinterfragen. Die Themen kreisen um Geschichte, Macht, Gedenken, Identität und Glauben.

Der Ausstellungstitel »Night« beschreibt laut Cattelan nicht einfach die Abwesenheit von Licht, sondern einen Moment, in dem die Gewissheiten außer Kraft gesetzt sind. Dinge verschwinden im Dunklen nicht einfach, sie sind nur schwerer zu fassen. »Die Ausstellung handelt nicht von Dunkelheit, sondern von der Fragilität von Gewissheiten. Zugleich ist die Nacht immer nur vorübergehend. Sie trägt stets die Möglichkeit des Morgens in sich, auch wenn dieser noch nicht sichtbar ist«, so der Künstler.

Kraft außer Kraft

Das lebensgroße präparierte Pferd, das reglos von der Decke hängt, hat er »Novecento« genannt, die italienische Bezeichnung für das 20. Jahrhundert. Cattelans Skulptur, kurz vor der Jahrtausendwende entstanden, wird so zum Stellvertreter einer Zeit, die von Umbrüchen und Gewalt völlig erschöpft ist. Das traditionelle Symbol von Kraft, Freiheit und militärischer Macht wird in sein Gegenteil verkehrt. Die langen Beine streben dem Boden entgegen, der Körper wirkt gefangen zwischen Emporsteigen und Herabfallen, also zwischen Stärke und Kapitulation.

Auf dem Dach des Museums sitzt eine Figur namens »Never«, dem Protagonisten aus Günter Grass’ Roman »Die Blechtrommel« nachgezeichnet. Der Junge, der sich weigert, erwachsen zu werden, trommelt gegen politische Gewalt und kollektiven Gedächtnisverlust an. Sein Rhythmus schwankt zwischen Parade, Warnsignal, Trauermarsch und Zirkusattraktion. Der thronende Trommler wirkt wie ein Wächter über der Hauptstadt, sein Spiel wie eine Mahnung. Seine Rolle pendelt dabei zwischen Komödie und Tragödie.

Cattelan verwandelt das Berliner Museum in einen Ort des Schwebezustands. Seine Werke zeigen keine Monumente der Macht, sondern laden Besucherinnen und Besucher ein, über Verletzlichkeit, Erinnerung und die Last der Geschichte zu reflektieren.

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