| Jennifer Evans |
| 15.09.2026 08:00 Uhr |
Geschichte als Last: Das Pferd ist hier kein Denkmal des Triumphs, sondern der Lähmung. / © Paolo Pellion di Persano
Die Neue Nationalgalerie präsentiert die erste Einzelausstellung des italienischen Künstlers Maurizio Cattelan in Deutschland. Indem er seine Bilder und Figuren subtil verändert, verschiebt sich ihre Bedeutung – und verunsichert uns. Auf diese Weise fordern seine Werke dazu auf, unser Wertesystem zu hinterfragen. Die Themen kreisen um Geschichte, Macht, Gedenken, Identität und Glauben.
Der Ausstellungstitel »Night« beschreibt laut Cattelan nicht einfach die Abwesenheit von Licht, sondern einen Moment, in dem die Gewissheiten außer Kraft gesetzt sind. Dinge verschwinden im Dunklen nicht einfach, sie sind nur schwerer zu fassen. »Die Ausstellung handelt nicht von Dunkelheit, sondern von der Fragilität von Gewissheiten. Zugleich ist die Nacht immer nur vorübergehend. Sie trägt stets die Möglichkeit des Morgens in sich, auch wenn dieser noch nicht sichtbar ist«, so der Künstler.
Das lebensgroße präparierte Pferd, das reglos von der Decke hängt, hat er »Novecento« genannt, die italienische Bezeichnung für das 20. Jahrhundert. Cattelans Skulptur, kurz vor der Jahrtausendwende entstanden, wird so zum Stellvertreter einer Zeit, die von Umbrüchen und Gewalt völlig erschöpft ist. Das traditionelle Symbol von Kraft, Freiheit und militärischer Macht wird in sein Gegenteil verkehrt. Die langen Beine streben dem Boden entgegen, der Körper wirkt gefangen zwischen Emporsteigen und Herabfallen, also zwischen Stärke und Kapitulation.
Auf dem Dach des Museums sitzt eine Figur namens »Never«, dem Protagonisten aus Günter Grass’ Roman »Die Blechtrommel« nachgezeichnet. Der Junge, der sich weigert, erwachsen zu werden, trommelt gegen politische Gewalt und kollektiven Gedächtnisverlust an. Sein Rhythmus schwankt zwischen Parade, Warnsignal, Trauermarsch und Zirkusattraktion. Der thronende Trommler wirkt wie ein Wächter über der Hauptstadt, sein Spiel wie eine Mahnung. Seine Rolle pendelt dabei zwischen Komödie und Tragödie.
Cattelan verwandelt das Berliner Museum in einen Ort des Schwebezustands. Seine Werke zeigen keine Monumente der Macht, sondern laden Besucherinnen und Besucher ein, über Verletzlichkeit, Erinnerung und die Last der Geschichte zu reflektieren.
Maurizio Cattelan. »NIGHT«
bis 7. März 2027
Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz
Potsdamer Straße 50, 10785 Berlin