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AoG in Argentinien

»Patienten verlassen sich auf uns«

Vergangene Woche wurde ein von Apotheker ohne Grenzen (AoG) aufgebautes Projekt für chronisch kranke Slumbewohner in Buenos Aires mit dem Preis für Medizinische Entwicklungszusammenarbeit der Else-Kröner-Fresenius-Stiftung ausgezeichnet. Die PZ sprach mit Projektleiterin und Preisträgerin Dr. Carina Vetye über das Leben der Slumbewohner und ihre pharmazeutische Versorgung.
Daniela Hüttemann
29.11.2018
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PZ: Wie muss man sich einen Slum in Buenos Aires vorstellen?

Vetye: Die Häuser aus Hohlziegeln und Wellblech stehen sehr dicht gedrängt, und es werden immer mehr Stockwerke draufgebaut. Durch die fehlende Isolierung leiden die Bewohner sehr unter Kälte und Hitze, denn im Winter sinkt die Temperatur auf fast 0 Grad, im Sommer steigt sie auf 40 Grad und es ist immer sehr feucht. Es ist laut und stinkt nach Müll. Und es ist gefährlich: Es gibt Schusswechsel und Messerstechereien. In jedem winzigen Raum leben drei bis vier Personen: die Kinder, die Großeltern, weitere Verwandte und Bekannte. Wir kämpfen unter diesen wenig hygienischen Bedingungen mit akuten Erkrankungen, aber auch Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen sind ein Riesenproblem.


PZ: Wie hilft Apotheker ohne Grenzen vor Ort?

Vetye: Wir beschaffen bedarfsgerecht die nötigen Arzneimittel, beraten und betreuen die Patienten, die oft nicht lesen können, in der AoG-Slumapotheke und geben ihnen die Garantie, dass ihre kostenlosen Basisarzneimittel immer da sein werden. Wir führen Schulungen durch, engagieren uns in der Prävention und finanzieren auch einen Teil der Gehälter für zusätzliche Ärztinnen und Health Worker.


PZ: Was bedeutet die Auszeichnung für das Projekt?

Vetye: Argentinien ist pleite, das Land musste im Juni vom IWF mit einem Milliardenkredit gerettet werden. 2018 sind weitere zwei Millionen Menschen unter die Armutsgrenze gerutscht, die Inflationsrate liegt bei 45 bis 50 Prozent, die Kosten für Medikamente sind um 100 Prozent gestiegen. Das macht es nicht leichter, unser langfristig angelegtes Projekt weiterzuführen. Da helfen die 100 000 Euro Preisgeld natürlich ungemein: Wir müssen in Zukunft noch viel mehr Probleme auffangen, möchten das Projekt stabilisieren und werden auch weiterhin auf finanzielle Unterstützung und Spenden angewiesen sein. Ich freue mich auch, dass die Stiftung mit diesem Preis die Aufmerksamkeit auf die nicht übertragbaren, chronischen Erkrankungen legt und das apothekerliche Engagement als wichtigen Bestandteil einer nachhaltigen Verbesserung der Versorgung würdigt. Es ist nicht leicht zu vermitteln, dass in Entwicklungs- und Schwellenländern immer mehr Menschen an Übergewicht/Adipositas und den Folgeerkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck leiden – oft aus Unwissenheit oder weil sie sich gesunde Lebensmittel nicht leisten können. Diese Erkrankungen werden zu Unrecht als Wohlstandskrankheiten bezeichnet – im Gegenteil, sie treffen vor allem die Armen.


PZ: Werden die Argentinier nicht vom Staat versorgt?

Vetye: Nicht in den Elendsvierteln. Man kann sich in Deutschland vielleicht nicht vorstellen, wie es ist, wenn Ärzte und Apotheker fehlen und die lebensnotwendigen Arzneimittel zwar im Land verfügbar sind, man sie aber nicht bekommt, weil man keine Krankenversicherung hat und sie nicht bar bezahlen kann. Bei akuten Erkrankungen legen Familie und vielleicht Freunde noch Geld zusammen, das ist aber bei den Kosten chronischer Erkrankungen nicht machbar. Metformin-Tabletten oder Blutzuckerteststreifen selber zu bezahlen ist auf Dauer unmöglich. Kommt es dann zu Folgeschäden, zum Beispiel wenn ein 37-jähriger Familienvater einen Schlaganfall erleidet, rutscht die gesamte Familie noch tiefer ins Elend. Es gibt für einen halbseitig gelähmten Slumbewohner keine Hilfsmittel, keine Rehabilitation, keinen Pflegedienst. Eine Diabetikerin, die zuerst einige Zehen und dann den Fuß verliert, muss von der Familie über viele Jahre mitversorgt werden, denn sie wird nie mehr eine Arbeit bekommen.


PZ: Was gibt es an Medikamenten?

Vetye: Das Slum-Gesundheitszentrum bekommt Arzneimittel vom Staat. Das einheimische Gesundheitssystem deckt jedoch nur etwa ein Drittel des tatsächlichen Bedarfs unserer Patienten ab, das haben wir über mehr als 10 Jahre dokumentiert. Und es gibt noch sehr viele Menschen im Slum, die Diabetes oder Bluthochdruck haben und es gar nicht wissen. AoG bezahlt die fehlenden zwei Drittel der Medikamente, die ich dann über den lokalen Markt besorge. Arzneimittel aus dem Ausland können und dürfen wir nicht verwenden und es würde den wichtigen Ansatz der Nachhaltigkeit eines Projekts konterkarieren, wenn Abhängigkeit von ausländischen Arzneimittelspenden entstünde. Wir ziehen von unseren Arzneimitteln regelmäßig Proben und lassen sie in Deutschland von Studenten und PTA-Schülern prüfen – schließlich sind wir als Apotheker auch für die Qualität verantwortlich.


PZ: Wie sieht es denn aus mit der Adhärenz der Patienten?

Vetye: Die sind hoch motiviert. Die rund 250 chronisch kranken Patienten, die wir über unsere Slum-Apotheke betreuen, haben verstanden, dass sie eine echte Chance bekommen. Sie sehen in ihrem Umfeld, was passiert, wenn man ihre Erkrankungen nicht behandelt. Sie kommen einmal im Monat, um ihre Werte kontrollieren zu lassen und ihre Arzneimittel abzuholen. Wir haben diesen Menschen die Zusage gemacht, dass sie ihre Arzneimittel zuverlässig bei uns erhalten. Diese Zusage ist unsere Verpflichtung: Wir können ja nicht ständig ermahnen, wie wichtig die regelmäßige Einnahme ist, und dann sind die Arzneimittel nicht da.


PZ: Wie geht es weiter mit dem Projekt?

Vetye: Ursprünglich war geplant, dass der Staat in den kommenden Jahren immer mehr von den Kosten für Medikamente und Fachpersonal übernimmt und AoG sich hier zumindest bei der Versorgung von chronischen Krankheiten langsam zurückziehen kann und mehr in Schulungen und Prävention investiert. Aber daraus wird wohl nichts: Wir bereiten uns in Argentinien auf noch schlechtere Zeiten vor. Es werden noch mehr Arzneimittel fehlen. Da wird AoG – auch dank des Preisgeldes – weiter einspringen können.


PZ: Was bedeutet der Preis für Sie und Ihr Team persönlich?

Vetye: Neben dem Preisgeld freuen wir uns vor allem über die Anerkennung. Mein Team leistet wertvolle und nachhaltige pharmazeutische Arbeit unter Worst-Case-Bedingungen.

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