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Menschen mit Diabetes

Patienten mitnehmen, nicht verurteilen

Vorwurfsvolle Sprache oder Drohungen vor weiteren gesundheitlichen Folgen, falls sich die Werte nicht bessern: Bei der Kommunikation über Diabetes sollte man die Betroffenen versuchen, ins Boot zu holen, statt sie zu stigmatisieren.
dpa
14.11.2022  10:00 Uhr

Für eine sensiblere Kommunikation über die chronische Stoffwechselerkrankung Diabetes mellitus macht eine Initiative sprachliche Verbesserungsvorschläge. «Einige Arten von Aussagen und seit langem gebrauchte Begriffe können für Menschen mit Diabetes einen diskriminierenden oder stigmatisierenden Charakter haben. Dabei gibt es wertneutrale und empathische Alternativen» sagt die Diabetologin Katarina Braune von der Charité Berlin der Deutschen Presse-Agentur.

Die Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin hat an einem Positionspapier zum Thema mitgewirkt, das am Donnerstag – kurz vor dem heutigen Weltdiabetestag – vorgestellt worden ist. Darin werden zum Beispiel Äußerungen als problematisch gewertet, die demotivieren oder Ängste hervorrufen, wie «Wenn Sie sich nicht besser um Ihren Diabetes kümmern, müssen Sie sich nicht wundern, wenn Sie blind an der Dialyse landen.»

Es gibt auch weniger offensichtliche Fälle: Sie spreche bewusst nicht von Diabetikern, sondern von Menschen mit Diabetes, sagte Braune. Viele Menschen würden ungern allein über ihre Erkrankung definiert. Auch Begriffe wie Zuckerkrankheit und Altersdiabetes werden vom Verfasserteam als nicht mehr zeitgemäß gewertet, da sie falsche Eindrücke erweckten: Weder löse Zuckerkonsum allein die Erkrankung aus, noch träten verschiedene Diabetesformen nur in bestimmtem Alter auf.

Kritisiert werden zudem Symbolfotos, die etwa Nahaufnahmen von Bäuchen übergewichtiger Menschen zeigen: Damit wiederhole und verfestige sich das Vorurteil, dass Diabetes nur Menschen mit Adipositas betreffe.

Wenn sich Patienten durch Sprache nicht negativ bewertet, kritisiert oder bevormundet fühlten, könne sich das günstig auf die Selbstwahrnehmung und den Therapieerfolg auswirken, sagte Braune. Sie betonte, dass die Initiative nicht belehren, sondern einen Dialog eröffnen wolle. Das deutsche Papier richtet sich nicht nur an Medizin-Fachleute. An dem Papier beteiligt sind die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG), die Gesundheitsorganisation diabetesDE und die Online-Community #dedoc°. 

Auch Angehörige zum Beispiel können Rat finden: Vermeiden solle man zum Beispiel Kommentare zum (Ess-)Verhalten oder dem äußeren Erscheinungsbild von Menschen mit Diabetes. Ähnliche Empfehlungen gibt es bereits in einigen anderen Ländern wie Australien, Schweden, Italien und der Türkei. Das gemeinsame Schlagwort lautet #LanguageMatters (Sprache ist entscheidend).

Die Stoffwechselerkrankung betrifft in Deutschland laut DDG rund 8,5 Millionen Menschen. Die Zahl derer, die nichts von ihrer Erkrankung wissen, wird auf weitere zwei Millionen geschätzt.

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