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Atemwegserkrankungen

Oft sind Antibiotika unnötig – und nicht mal gewünscht

Werden Antibiotika falsch verordnet oder angewendet, sind sie im besten Fall wirkungslos, im schlechteren Fall bekommen resistente Bakterien Aufwind. Dies ist umso gefährlicher, da es kaum neue Antibiotika gegen gramnegative Keime gibt. Gerade bei Atemwegsinfekten sind Antibiotika oft überflüssig.
Brigitte M. Gensthaler
08.04.2019
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Ein verantwortungsvoller Umgang mit Antibiotika, also konsequentes Antibiotic Stewardship auch im ambulanten Bereich, könnte die Verschreibung dieser Wirkstoffe reduzieren, betonte Dr. Franziska C. Trudzinski, Universitätsklinikum des Saarlands in Homburg, beim Schwarzwälder Frühjahrskongress der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg am Wochenende in Villingen-Schwenningen. Häufig würden Antibiotika ohne Indikation verordnet, zum Beispiel bei viralen Atemwegsinfekten, Bronchitis oder allergischen Erkrankungen der Atemwege.

So ist eine Rhinosinusitis meist viral bedingt und heilt in der Regel spontan ab. Eine bakterielle Besiedlung ist selten. Komplikationen sind sehr selten; wenn sie aber auftreten, sind sie gravierend. Als Warnzeichen nannte die Ärztin sehr starke Schmerzen, Gesichtsschwellungen, hohes Fieber und neurologische Symptome. »Schicken Sie diese Patienten sofort zum Arzt«, forderte sie die Apotheker auf.

Auch bei einer Tonsillo-Pharyngitis bringen Antibiotika in der Regel keinen klinischen Vorteil. Doch warum gehen Menschen mit Halsschmerzen überhaupt zum Arzt? Gemäß einer Studie aus 2006 lag der Hauptgrund im Wunsch nach Untersuchung, Schmerzlinderung und Ursachensuche. Antibiotika rangierten weit unten auf der »Wunschliste« der Patienten. Zudem lag hier oft ein Missverständnis vor, denn die Patienten erwarteten eigentlich eine Schmerztherapie vom Arzt.

Eine Akutverschlimmerung einer COPD, die sogenannte Exazerbation, wird oft antibiotisch behandelt. Hier könne ein Schnelltest (point-of-care-test, POCT) auf C-reaktives Protein als Entzündungsmarker die Entscheidung unterstützen, zeigte eine noch nicht publizierte Studie. »Der Einsatz des CRP-POCT konnte den Antibiotika-Verbrauch in dieser Studie um 20 Prozent senken«, berichtete die Ärztin.

Die Pipeline ist leer

»Warum ist es so schwer, Substanzen gegen gramnegative Bakterien zu finden?« Dieser Frage ging Professor Dr. Ulrike Holzgrabe, Institut für Pharmazie und Lebensmittelchemie, Uni Würzburg, nach. Die weltweit zunehmende Resistenzbildung bei Bakterien sei Treiber für die Suche nach neuen Antibiotika. »Wir machen ein Wettrennen mit den Bakterien und versuchen, immer die Nase vorne zu haben.«

Dass es so wenige Innovationen gegen gramnegative Bakterien gibt, liegt vor allem an deren Zellmembran-Aufbau mit der aus Lipopolysacchariden bestehenden äußeren Zellwand und deren sehr effektiven Effluxpumpen. Wirkstoffe gegen gramnegative Keime müssten klein und hydrophil sein, um durch die Porine eindringen zu können. Effluxpumpen befördern vor allem mittel-lipophile Substanzen und Stoffe mit mittlerem Molekulargewicht aus der Zelle. Das bedeutet: Große lipophile Moleküle, zum Beispiel Naturstoffe, diffundieren langsam in die Bakterien und werden rasch ausgeschleust.

Holzgrabe stellte vielversprechende Wirkstoffe in klinischer Phase II und III vor. Beispiele sind Membran-addressierende Antibiotika (OMPTA) wie Murepavadin und Brilacidin, Pleuromutiline wie Lefamulin und Valnemutilin, Topoisomerase-Inhibitoren wie Zoliflodacin und Gepotidacin sowie Cephalosporine, die mit einem Siderophor, also einer Eisen-komplexierenden Struktur, verknüpft sind.

Fazit der Forscherin: Die Pipeline sei nahezu leer und die meisten neuen Antibiotika stammen aus bekannten Substanzklassen, sind also eher »Me-too«-Antibiotika. »Wir brauchen neue Konzepte!« Die Wirkstoff-Forschung müsse wieder verstärkt in Europa mit genau kontrollierten Bedingungen stattfinden, forderte sie in Villingen unter Applaus. »Aber die ganz großen Pharmafirmen haben sich verabschiedet von der Antibiotika-Forschung.« Um das Problem akut nicht weiter zu verschärfen, forderte auch sie eine verantwortungsvolle Reduktion des Antibiotikaverbrauchs.

DOI: 10.1370/afm.609

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