Pharmazeutische Zeitung online
Sitzkultur

Öfter mal den Aufstand proben

Wir sitzen auf einer tickenden Zeitbombe. Und haben uns daran gewöhnt. Die PZ sprach mit der Präventivmedizinerin Carmen Jochem über Chefsessel, Fahrstühle und einen gesellschaftlichen Sitzzwang, der uns auf Dauer die Gesundheit kostet.
Ulrike Abel-Wanek
08.10.2018  11:40 Uhr

PZ: Das Sitzen gilt schon seit einigen Jahren als das »neue Rauchen«. Jetzt haben Sie mit Michael Leitzmann ein weiteres Buch zu dem Thema geschrieben. Warum?

Jochem: Weil es jeden betrifft. Und weil wir so viele Menschen wie möglich erreichen wollen. Mithilfe einiger Tipps ist es viel leichter, die tägliche Sitzdauer zu reduzieren, als man denkt. Jedenfalls leichter, als mit dem Rauchen aufzuhören. Der Vergleich mit dem Rauchen trifft den Sachverhalt nicht ­richtig.

PZ: Gemeinhin wird das Sitzen nicht als gesundheitsgefährdende Tätigkeit eingeschätzt. Was daran ist so gefährlich?

Jochem: Ich kann vorwegnehmen, dass noch nicht alle biologischen Mechanismen im Detail untersucht und verstanden wurden. Was aber passiert ist, dass sich der Blutzucker-Metabolismus ändert, dass Glucose langsamer abgebaut und Insulin mehr ausgeschüttet wird. Der Blutdruck steigt, vor allem in den unteren Extremitäten, Muskel- und Venenpumpe werden weniger aktiviert. Das Blut wird schlechter zum Herzen zurückgepumpt und auch die CAP-Werte steigen an. Höhere Entzündungswerte sind eine mögliche Ursache von Krebserkrankungen. Vielsitzer haben ein erhöhtes Risiko an Brustkrebs, Gebärmutterschleimhautkrebs und Dickdarmkrebs zu erkranken. Grundsätzlich fördert ununterbrochenes Sitzen das Risiko für die Entstehung von Volkskrankheiten wie Diabetes mellitus Typ 2, koronare Herzerkrankungen, Schlaganfall und Depression. Und für alle Schlankheitsbewussten: Auch der Appetit steigt durch langes Sitzen an.

PZ: Auf Platz eins gesundheitlicher Beschwerden stehen die Rückenschmerzen. Ist auch hier das Sitzen schuld?

Jochem: Weniger, als man denkt. Eine große Übersichtsarbeit, die die Ergebnisse mehrerer Einzelstudien miteinander verglich, konnte keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen langem Sitzen und Rückenschmerzen feststellen. Dennoch: Vielsitzen schadet unserem Bewegungsapparat. Damit die Gelenke reibungslos funktionieren, müssen sie mit Nährstoffen versorgt werden. Durch Bewegungsarmut wird dieser Prozess gehemmt. Erkrankungen des Bewegungsapparates aber sind die Hauptursache von chronischen Schmerzen.

PZ: Sie beschreiben in Ihrem Buch eine über Jahrhunderte gewachsene Sitzkultur. Was hat das Sesshaftwerden unserer Vorfahren mit dem heutigen Problem des Vielsitzens zu tun?

Jochem: Durch das Sesshaftwerden ist vieles bequemer geworden. Die Menschen gründeten Siedlungen und betrieben eine ortsgebundene Landwirtschaft. Alles, was man für den Lebensunterhalt brauchte, befand sich nun in Reichweite. Der Bewegungsradius nahm ab, und man konnte immer häufiger irgendwo Platz nehmen. Die Sesshaftigkeit forcierte die Entwicklung und Etablierung von ersten Sitz­geräten.

Stühle galten noch vor rund 200 Jahren als handwerklich aufwendig gefertigte Luxusobjekte, die nur für einen kleinen Teil der Gesellschaft erschwinglich waren. In den 1850er-Jahren entwickelte Michael Thonet dann mit dem als »Wiener Kaffeehausstuhl« berühmt gewordenen »Stuhl Nr. 14« ein preiswertes, industriell hergestelltes Massenprodukt, das sich bis 1930 dann schon 50 Millionen Mal verkauft hat. Heute gibt es überall Sitzgelegenheiten. In Museen, im öffentlichen Raum oder im Konferenzraum, überall heißt es: Nehmen Sie bitte Platz. Wir sitzen im Auto, Zug und Bus oder zu Hause vor dem Fernseher und bewegen uns höchstens noch von Stuhl zu Stuhl. Schon in der Schule wird das Sitzen vor dem Lesen und Schreiben eingeübt. Die Schulpflicht wird zur Stuhlpflicht – ausgerechnet für Kinder, die so viel natürlichen Bewegungsdrang haben. Wir finden es normal, dass sie im Alter von zwei bis sechs Jahren täglich viereinhalb Stunden mit Sitzen verbringen, Zwölf- bis Achtzehnjährige sogar schon neun Stunden. Der Philosoph Hajo Eickhoff spricht von einem »gesellschaftlichen Sitzzwang«. Das muss uns bewusst werden, diese Gewohnheit müssen wir aufbrechen.

PZ: Ist Sitzen denn nur schlecht? Hat es nicht auch manchmal etwas Entspannendes?

Jochem: Ich sage jedem, dass er ins Café oder in den Park gehen, sich hinsetzen und ausruhen soll, wenn er das Bedürfnis danach hat. Auch Menschen, die beruflich viel stehen, Apotheker zum Beispiel, sollten sich zwischendurch eine Sitzpause gönnen. Aber nicht so lange. Meistens reichen schon fünf Minuten aus, damit sich Körper und Geist erholen. Unbestritten ist auch, dass Sitzen Sicherheit und Geborgenheit geben kann. Denken Sie an ein volles Wartezimmer, und Sie sind die Einzige, die stehen muss. Man fühlt sich dann irgendwie unwohl und beobachtet und möchte sich hinsetzen wie alle anderen auch. Aber nicht unbedingt, weil man vorher schon den ganzen Tag auf den Beinen war. Das Sitzen muss man auch aus der Perspektive des sozialen Verhaltens und der Gesellschaftskultur betrachten.

PZ: Wie lässt sich der Hebel umlegen, damit man aus Sitzgewohnheiten heraus kommt?

Jochem: Das passiert auf verschiedenen Ebenen. Auf der Individual-Ebene zeigen wir in unserem Buch Möglichkeiten für jeden Einzelnen auf, selbst aktiv werden zu können. Für alle Altersstufen und egal, ob sich jemand in der Ausbildung befindet oder einen Bürojob macht. Auf die gesellschaftliche Ebene haben wir als Einzelpersonen weniger Einfluss. Hilfreich wäre es aber, wenn es nicht überall Sitzplätze gäbe. Denken Sie an den öffentlichen Nahverkehr. Bahnen und Busse sind voll bestuhlt, aber ein Fahrrad mitnehmen? In vielen Fällen Fehlanzeige. Im öffentlichen Raum könnte man statt Stühlen auch andere Ausruhmöglichkeiten schaffen, Ständer zum Anlehnen beispielsweise, sodass man sich nicht immer direkt hinsetzen muss. Oder Stehtische, auf die man seine Tasche ablegen kann, während man irgendwo wartet. Unser Ziel ist, die Wahrnehmung dafür zu schärfen und die Thematik bei möglichst vielen Menschen weiter zu verbreiten.

PZ: Was kann man im Büro für mehr Bewegung tun?

Jochem: Büromitarbeiter gehören zur Vielsitzer-Gruppe – mit mehr als siebeneinhalb Stunden Sitzzeit täglich. Wie viele Menschen mit höherem Bildungsgrad, die durchschnittlich länger sitzen als Berufsgruppen aus bildungsfernen Schichten. Das fängt mit längeren Schul- und Studienzeiten an und hört beim Chefsessel auf. Sich mehr bewegen kann aber jeder. Treppen laufen statt Aufzug fahren oder die Wasserflasche ans andere Ende des Büros stellen und sich jedes Glas einzeln holen. Kollegen im Haus nicht anrufen oder ihnen E-Mails ­schreiben, statt dessen lieber persönlich vorbeigehen – das ist auch gut für das soziale Klima. Nicht jedes Büro braucht außerdem einen Drucker. Man kann es sich auch leicht angewöhnen, beim Telefonieren immer aufzustehen. Und wenn man sitzt: nicht so zusammenlümmeln, sondern häufig die Position wechseln, Füße bewegen, Po anspannen – einfach dem Bewegungsdrang nachkommen und wieder lernen, auf den Körper zu hören. Schon fünf Minuten Bewegung zwischendurch helfen, dass die Muskeln kontrahieren, das Blut besser fließt und der Stoffwechsel nicht »denkt«, er liege im Koma.

PZ: Weniger sitzen, häufiger aufstehen und sich insgesamt mehr bewegen: klingt leicht, fällt aber vielen Menschen dennoch schwer.

Jochem: Hilfreich ist es zu wissen, dass sich schon die kleinen Bewegungen zwischendurch und auch Alltagsaktivitäten mit niedriger Intensität für die Gesundheit auszahlen. Spazieren gehen, Rad fahren, im Garten arbeiten. Es muss nicht die maximale Belastung beim Sport sein. Die ungünstigste Kombination ist sicher die des Dauersitzers, der am Arbeitsplatz und in der Freizeit viel sitzt und sich wenig bewegt. Aber schon in dem Moment, wo er zum Staubsauger greift, tut er seiner Gesundheit etwas Gutes.

Mehr von Avoxa