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Demenz-Forschung

Nilotinib bei Morbus Alzheimer im Gespräch

Der bei chronisch myeloischer Leukämie seit vielen Jahren zugelassene Kinasehemmer Nilotinib hat in einer Phase-II-Studie ein positives Signal für den Einsatz bei Alzheimer-Patienten gezeigt.
Sven Siebenand
20.07.2020  11:00 Uhr

Der ArzneistoffNilotinib hemmt die Abl-Tyrosinkinase, was für den Einsatz bei chronisch myeloischer Leukämie (CML) wichtig ist. Der Wirkstoff blockiert aber auch andere Kinasen, etwa die sogenannten DDR-Rezeptoren (discoidin domain receptors). Frühere Untersuchungen zeigen, dass zum Beispiel bei Alzheimer-Patienten erhöhte DDR-Spiegel im Gehirn vorliegen. Blockiert man diese Rezeptoren, könnte das die Produktion neurotoxischer Proteine bremsen.

In einer Pressemitteilung greift die Deutsche Gesellschaft für Neurologie nun eine Publikation in »Annals of Neurology« auf. Ein Forscherteam um Professor Dr. Raymond Scott Turner vom Georgetown University Medical Center in Washington D. C. berichtet darin über den Einsatz des Kinasehemmers bei Alzheimer-Demenz. In einer randomisierten, doppelblinden und placebokontrollierten Phase-II-haben die Wissenschaftler Sicherheit und Verträglichkeit von Nilotinib sowie seine Pharmakokinetik und Wirkung auf verschiedene Alzheimer-Biomarker untersucht. 37 Patienten zwischen 50 und 85 Jahren mit leicht bis mittelgradiger Alzheimer-Demenz nahmen an der Studie teil. Sie wurden auf zwei Gruppen randomisiert verteilt. Sie erhielten entweder über 26 Wochen einmal täglich 150 mg oral Nilotinib, gefolgt von 300 mg täglich für weitere 26 Wochen – oder Placebo.

Einige positive Ergebnisse konnten die Forscher ausmachen: So zeigte die Bildgebung mit Positronen-Emissions-Tomografie, dass in der Nilotinib-Gruppe die Amyloid-Plaques im Frontallappen des Gehirns gegenüber Placebo signifikant zurückgegangen waren. In der Liquorflüssigkeit waren relevante Konzentrationen von Nilotinib nachweisbar; außerdem sanken die Konzentration von β-Amyloid-40 bereits nach sechs Monaten und von β-Amyloid-42 nach zwölf Monaten deutlich ab. Auch die Tau-Protein-Menge (Phospho-Tau-181) war nach sechs und zwölf Monaten rückläufig und der Volumenverlust des Hippocampus, eine Hirnregion, die für das Gedächtnis wichtig ist, war im MRT-Bild nach zwölf Monaten um 27 Prozent geringer ausgeprägt als in der Placebogruppe.

Orientierende klinische Tests zur Objektivierung kognitiver Fähigkeiten, etwa der Mini-Mental-Status-Test, zeigten keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen, jedoch eine Tendenz zu besseren Werten in der Nilotinib-Gruppe.

Große Studie im nächsten Schritt

Nilotinib wurde gut vertragen, schwere unerwünschte Ereignisse gab es in der Nilotinib-Gruppe nicht, auch keine schweren kardialen Nebenwirkungen. Von Nilotinib ist bekannt, dass es die QT-Zeit am Herzen verlängern kann. Allerdings wird es in der Onkologie auch in höherer Dosierung eingesetzt. Die empfohlene Tagesdosis des Nilotinib-haltigen Medikaments Tasigna® beträgt zweimal 300 mg Nilotinib bei Patienten mit neu diagnostizierter CML in der chronischen Phase.

»Diese relativ kleine Studie hat zunächst in erster Linie Sicherheit, Verträglichkeit und Effekte von Nilotinib auf Alzheimer-Biomarker untersucht – und das erfolgreich«, so Professor Dr. Richard Dodel, Neurologe an der Universität Duisburg-Essen. »Die Studie hatte jedoch zu wenige Patienten beziehungsweise war gar nicht dazu konzipiert, um eine Verlaufsbeurteilung der Demenz zu ermöglichen. Dennoch hoffen wir darauf, dass sich der positive Trend hinsichtlich der kognitiven Tests künftig in großen klinischen Studien bestätigen lässt. Möglicherweise muss man die Patienten auch in noch früheren Erkrankungsstadien behandeln, um langfristig krankheitsmodifizierende Vorteile zu sehen.« Auch die US-amerikanischen Studienautoren schlagen im weiteren Vorgehen eine größere Multicenterstudie vor, um weiter zu untersuchen, ob Nilotinib bei Alzheimer tatsächlich eines Tages eine Therapieoption werden könnte.

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