| Christina Hohmann-Jeddi |
| 01.04.2026 16:20 Uhr |
Der Konsum von nikotinhaltigen E-Zigaretten scheint das Risiko für Lungen- und Mundkrebs zu erhöhen. Die entsprechende Evidenz hat ein Forscherteam aus Australien zusammengetragen. / © Getty Images/AleksandrYu
E-Zigaretten gelten als ungefährlichere Alternative zu herkömmlichen Zigaretten. Jetzt zeigt jedoch eine Metaanalyse, dass Vapen womöglich ebenfalls Krebs in der Lunge und in der Mundhöhle verursacht. Das berichten Wissenschaftler von mehreren australischen Universitäten um Professor Dr. Berard W. Stewart von der University of New South Wales in Sydney im Fachjournal »Carcinogenesis« (DOI: 10.1093/carcin/bgag015).
Um das Krebsrisiko anhand epidemiologischer Daten zu ermitteln, sind E-Zigaretten noch nicht lange genug auf dem Markt. Das Team um Stewart wertete daher die verfügbaren Daten aus Fallberichten, Biomarkerstudien bei Menschen und Tierversuchen auf DNA-Schäden, oxidativen Stress, Entzündungen und Tumorbildung aus. Es beschränkte sich dabei auf neuere Arbeiten, die seit 2017 erschienen sind. Studien zu dualer Nutzung, also parallelem Konsum von Tabak und E-Zigaretten, wurden ausgeschlossen.
Das Ergebnis: Es konnten zahlreiche krebserregende Verbindungen in Aerosolen aus E-Zigaretten identifiziert werden, darunter flüchtige organische Chemikalien wie Acrolein, Benzol, Formaldehyd und Acrylamide, sowie Metalle, die aus den Heizspiralen freigesetzt werden. Auch die vom Nikotin abgeleiteten Nitrosamine führen in Tierversuchen zu DNA-Schäden, was nahelegt, dass sie krebserregend sind.
Biomarker-Studien zeigen, dass durch Vapen DNA-Schäden, oxidativer Stress, epigenetische Veränderungen und Entzündungen im Gewebe von Mund und Atemwegen entstehen. In Untersuchungen mit Mäusen hatten Tiere, die den Dampf von E-Zigaretten über einen längeren Zeitraum (54 Wochen) inhalierten, ein deutlich höheres Risiko für Adenokarzinome der Lunge als nicht exponierte Tiere.
»Unter Berücksichtigung aller Erkenntnisse – aus klinischen Beobachtungen, Tierversuchen und mechanistischen Daten – ist es wahrscheinlich, dass E-Zigaretten Lungenkrebs und Mundhöhlenkrebs verursachen«, sagt Stewart in einer Pressemitteilung der Universität. Ihm zufolge sei die Übereinstimmung der Ergebnisse über alle diese Disziplinen hinweg zwar auffällig, doch bleibe die genaue Zahl der darauf zurückzuführenden Krebsfälle weiterhin unklar.
Professor Dr. Martin Widschwendter von der Universität Innsbruck betont, dass genau dies derzeit eine entscheidende Wissenslücke darstellt – die noch nicht geschlossen werden kann. Denn E-Zigaretten sind erst seit etwa 2010 breit verfügbar, Lungenkrebs hat aber eine Latenzzeit von 20 bis 40 Jahren. »Hinzu kommt, dass in den bisher verfügbaren Studien bis zu 97 Prozent der E-Zigaretten-Nutzer auch Tabak geraucht haben, was die Isolierung eines eigenständigen Vaping-Effekts erschwert«, erklärt Widschwendter.
Die aktuelle Publikation hält er für sehr wertvoll: »Die mechanistische, epigenetische und präklinische Evidenz ist substanziell. Expositionsbiomarker zeigen bei E-Zigaretten-Nutzern deutlich erhöhte Spiegel bekannter Karzinogene – tabakspezifische Nitrosamine, volatile organische Verbindungen wie Acrylamid und Acrylnitril sowie Schwermetalle aus den Heizelementen, von denen viele bereits als IARC-Gruppe-1-Karzinogene klassifiziert sind.« Die Internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (IARC) bewertet Substanzen auf ihre Kanzerogenität. Die Aerosole aus E-Zigaretten erfüllten laut dem Experten alle zehn Schlüsselcharakteristika von Karzinogenen.
Eine IARC-Bewertung für E-Zigaretten liegt noch nicht vor. Professor Dr. Ute Mons vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg erwartet aber, dass die Organisation sie in den kommenden Jahren vornehmen wird. Mons hält nach der bisher verfügbaren Evidenz eine Einstufung als »möglicherweise karzinogen für den Menschen« (Gruppe 2B) für wahrscheinlich. »Für eine höhere Einstufung scheint die Datenlage noch nicht konsistent genug und nicht ausreichend stark.«
Die Autoren der vorliegenden Arbeit hätten in ihrer Analyse das karzinogene Potenzial von E-Zigaretten an sich beurteilt und nicht im Vergleich zu herkömmlichen Zigaretten, betont Mons. Insgesamt seien die Menge und Konzentration krebserzeugender Substanzen im Aerosol von E-Zigaretten deutlich geringer als im Tabakrauch, weshalb das karzinogene Potenzial von E-Zigaretten wohl auch niedriger sei. »Dies bedeutet jedoch nicht, dass E-Zigaretten als unbedenklich einzustufen sind«, so Mons.