| Cornelia Dölger |
| 25.02.2026 18:00 Uhr |
Apothekendemo 2023 in Münster: Johannes Jokiel (mit Mikrofon) war mittendrin und feuerte die protestierenden Apothekenteams an. Bei der zentralen Kundgebung in Dortmund im November 2023 sorgte Jokiel vor 5000 Menschen auf der Bühne für das Warm-up. / © AVWL/Halberstadt
An diesem Freitag werden sich die Abgeordneten im Bundestag erstmals mit der Apothekenreform befassen. Dass Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) das höhere Fixum durchsetzen will, wird sie aktuell nicht müde zu betonen. Diesen Kurs will die ABDA stützen – und plant gleichzeitig vorsorglich Proteste, weil die Zusage bislang eben nur eine mündliche ist.
Wenn es in etwa vier Wochen also wieder Kundgebungen und Apothekenschließungen wie vor gut zweieinhalb Jahren gibt, braucht es vor allem eins: die Geschlossenheit des Berufsstands. Für diese kämpft Katja Kesselmeier aus dem ostwestfälischen Paderborn seit den ersten Apothekendemos – und auch wenn ihr viel Skepsis entgegenschlug, würde sie sich auch jetzt wieder so engagiert einsetzen, wie sie es damals getan hat.
Damals, das war im Mai 2023, als die Apothekeninhaberin mit gerade einmal 32 Jahren zur Vorsitzenden der Bezirksgruppe Paderborn des Apothekerverbands Westfalen-Lippe (AVWL) gewählt wurde. Mit dem neuen Amt war auch verbunden, die anstehenden Proteste in der Region zu organisieren, wie Kesselmeier der PZ jetzt erzählte.
Der AVWL entschied sich seinerzeit für dezentrale Aktionen, insgesamt neun waren es in Westfalen-Lippe. In Paderborn hingen im Juni Plakate in den Schaufenstern der geschlossenen Apotheken, Apothekenteams zogen in weißen Kitteln, mit Bannern, Plakaten und Trillerpfeifen durch die 156.000-Einwohner-Stadt. Ihr Getöse dürfte ohrenbetäubend gewesen sein und ihnen die Aufmerksamkeit beschafft haben, die die Apotheken für ihre Ziele brauchen: Honorar anpassen, Bürokratie abbauen, wirtschaftliche Rahmenbedingungen verbessern.
Dass es am Ende mehr als 500 Protestierende sein würden, die sich in Paderborn lautstark für die Apothekenbelange einsetzen, hätte Kesselmeier zunächst nicht gedacht. Denn sie musste gegen ziemliche Widerstände aus den eigenen Berufsreihen ankämpfen – und verzweifelte beinahe darüber.
Es gab Bedenken, Zweifel, Ängste seitens vieler Inhaberinnen und Inhaber, vor der Apothekenaufsicht, vor Wettbewerbern, vor der Frage, ob eine zur Unzeit geschlossene Apotheke rechtliche Konsequenzen hat. »Da habe ich mich gewundert, welches Berufsbild wir von uns selbst haben«, so Kesselmeier. Statt für die eigene Sache zu kämpfen, hätten sich viele lieber zurückgezogen.
Inhaberin Katja Kesselmeier betont, es sei wichtig, auch bei Rückschlägen nicht zu resignieren, nicht ins Jammern zu verfallen, ohne aktiv etwas für seine Belange zu tun. / © privat
Doch die Apothekerin ließ nicht locker. Dass es gemeinsam besser klappt, zeigte sich schnell, als Kesselmeier eine Online-Anmeldeliste für die Proteste zusammenstellte, auf der zu sehen war, wer sich alles schon fürs Mitmachen entschieden hatte. Durch den Verteiler habe sich eine Dynamik entwickelt, die auch die Zögerlichen am Ende überzeugte – »und ich habe gemerkt: Mensch, wir schaffen es ja doch, wir können ja doch zusammenhalten«, so Kesselmeier.
Wer sich aber einen schnellen Erfolg vorstellte, wurde enttäuscht – bis heute gibt es keine Honoraranpassung, stattdessen wiederholtes In-Aussicht-Stellen von Verbesserungen, das die Apothekenteams allmählich verärgert.
Sie könne den Unmut nachvollziehen, sagt Kesselmeier. Der Prozess sei zäh, es gebe viele Rückschläge. Sie wundere sich nicht über Fragen von Kolleginnen und Kollegen, wo denn die Früchte ihres Einsatzes blieben. »Ich kann das verstehen.«
Man habe doch zusammengehalten – und nun sei ja offensichtlich, dass dies nichts bringe. Solche ratlosen, teils frustrierten Kommentare höre sie regelmäßig. Wie sie darauf reagiert? »Gebetsmühlenartig motivieren«, sagt sie und lacht. Über ausbleibende Erfolge erst einmal enttäuscht zu sein, sei menschlich. Es sei wichtig, nicht zu resignieren, nicht ins Jammern zu verfallen, ohne aktiv etwas für seine Belange zu tun.
Ganz niedrigschwellig hat die Apothekerin dafür in Paderborn einen Apothekenstammtisch gegründet, wo man sich regelmäßig zum Austausch und zur Diskussion treffe – in eher kleinen Runden, aber mit dem festen Ziel, gemeinsam Ideen und Lösungen zu finden. Und weil es auch hier gemeinsam besser klappt: Den Stammtisch wie auch den Protesttag sowie alle regionalen Aktionen ging Kesselmeier gemeinsam mit dem Kreisvertrauensapotheker Philipp Hoffmann an.
Die gemeinsame Anstrengung, das Zusammenhalten habe dem Berufsstand schon etwas gebracht, findet Kesselmeier. Es sei nötig, das berufliche Selbstbild an die stets wachsenden Herausforderungen anzupassen. Sich auf die eigenen Stärken zu besinnen, sei dafür essenziell. »Wir müssen darüber nachdenken, welche Rolle wir als Apotheken haben wollen, müssen selbst verstehen, dass wir eine tragende Säule der Gesundheitsversorgung sind – und dies auch nach außen verkörpern.«
Sie selbst hat aus den Protesten einige Motivation gezogen, sich weiter für den Berufsstand einzusetzen. Nicht nur hat sie im November 2023 einen Doppeldecker-Bus vollgeladen, um mit möglichst vielen Kolleginnen und Kollegen beim zentralen Apothekenprotest in Dortmund vor Ort zu sein. Im selben Monat ließ sie sich zudem in den Vorstand des Verbands wählen und engagiert sich für ihre Kolleginnen und Kollegen.
Auch ihr Kollege Johannes Jokiel aus Münster zieht aus gemeinsamen Aktionen Energie und Motivation. Wie Kesselmeier empfindet auch der junge Apotheker die Proteste als etwas Verbindendes, eine Art Schulterschluss der Branche, wie er der PZ erzählte. Jokiel war im Juni 2023 an der Organisation des Apothekenprotests in Münster beteiligt, bei dem mehr als 1000 Menschen durch die Innenstadt zum Prinzipalmarkt zogen. »Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut«, schallte der Protestruf damals durch die Straßen.
Mitten im Gewühl war Jokiel mit Megafon und Trillerpfeife. Lautstark für die Apothekenbelange einzustehen, habe seine eigene Begeisterung für den Beruf in der öffentlichen Apotheke noch gesteigert, sagt er. Er profitiere davon, dass er seinen Beruf als sinnstiftend erlebe; dies steigere die Widerstandskraft gegen möglicherweise ausbleibende politische Erfolge. »Resilienz entsteht für mich aus Haltung und Handlung«, erklärt er. »Man weiß nie, was passiert. In Schockstarre zu verfallen, hilft nicht.«
Und so war es auch Jokiel, der bei der zentralen Demo im November 2023 in Dortmund auf der Bühne stand und die Menge anfeuerte. Das Warm-up auf dem Platz der Partnerstädte war für ihn eine neue Erfahrung, ein Aus-der-Komfortzone-Kommen. Vor 5000 Menschen zu stehen und »den Hexenkessel zum Laufen zu bringen«, habe zwar zunächst seinen Puls hochgejagt, dann habe er seine Aufregung aber überwunden, immer mehr an Sicherheit gewonnen und am Ende durch die positive Rückmeldung sogar eine Art von Synergie empfunden.
Die Gewissheit, dass für ihn die Arbeit in einer öffentlichen Apotheke die richtige Wahl ist, gibt dem angestellten Apotheker in leitender Funktion, der sich auch im Nachwuchsausschuss der Kammer Westfalen-Lippe engagiert, Selbstbewusstsein. Dieses will er stärken und teilen, indem er Kolleginnen und Kollegen im Apothekenteam positives Feedback vermittelt, indem er den Patientinnen und Patienten zeigt, dass er gern für sie da ist. Ihm sei die »Experten-Laien-Kommunikation« wichtig, also die patientennahe Sprache, das Ansprechbar-Sein. »Das motiviert mich jeden Tag.«
Sein Rezept für Selbstmotivation: »Ich habe keinen Plan B.« Denn mit einem solchen konzentriere man sich automatisch nicht mehr »zu 100 Prozent« auf Plan A – und dies müsse die öffentliche Apotheke und ihre Zukunftsfähigkeit sein.