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Apotheken-Dienstleistungen
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New Medicine Service wird in der Schweiz eingeführt

In der Schweiz haben die Apotheker schon deutlich mehr Befugnisse als in Deutschland. Aktuell wollen sie den sogenannten »New Medicine Service« implementieren – eine pharmazeutische Dienstleistung zum Therapiestart einer Dauermedikation.
AutorKontaktDaniela Hüttemann
Datum 24.02.2026  18:00 Uhr

In der Schweiz gewinnen Apotheken als erste Anlaufstelle für gesundheitliche Anliegen zunehmend an Bedeutung. Das berichteten Dr. Stephen Jenkinson und Professor Dr. Samuel Allemann vergangene Woche bei einem Präsymposium des Kongresses des Pharmaceutical Care Networks Europe (PCNE) in Innsbruck, Österreich. Es gab in den vergangenen 25 Jahren eine sukzessive Kompetenzerweiterung der Apotheken – vom Fachhändler und Rezeptausführer zum Erbringer von Leistungen der medizinischen Grundversorgung sei es jedoch ein langer politischer Weg gewesen. 

Zuletzt wurde in der Schweiz im Rahmen der Revision des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (KVG) im vergangenen Jahr eine Stärkung der Apotheken beschlossen, die eine potenzielle Vergütung von Leistungen der Apothekerinnen und Apotheker vorsieht, und zwar für pharmazeutische Leistungen zur Optimierung der Pharmakotherapie und der Therapietreue, unabhängig von der Abgabe von Arzneimitteln, sowie für selbstständige Leistungen im Rahmen von kantonalen oder nationalen Präventionsprogrammen – das ist der für Deutschland geplanten Regelung (Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz) sehr ähnlich. Darunter fällt auch der sogenannte »New Medicine Service«, eine pharmazeutische Betreuung von Patienten, die erstmals ein neues Medikament für bestimmte chronische Erkrankungen erhalten.

Vergütung muss noch verhandelt werden

Die gesetzliche Erlaubnis ist das eine – die Vergütung das andere. Evidenz für den Nutzen einer pharmazeutischen Dienstleistung aus dem Ausland reiche nicht, berichtete Jenkinson, Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter Innovationen beim Schweizerischen Apothekerverband Pharmasuisse sowie Dozent an der Universität Bern. So wurde zum Beispiel 2015 in England gezeigt, dass der New Medicine Service den Anteil der adhärenten Patienten um 10 Prozent erhöhte gegenüber der herkömmlichen Betreuung (»BMJ Quality & Safety«, DOI: 10.1136/bmjqs-2015-004400).

Die Referenten zitierten auch aus einer Studie aus dem Jahr 2004, wonach jeder fünfte Patient mit chronischer Erkrankung die Therapie schon im Laufe des Erstbezugs eines neuen Medikaments abbricht. 30 Prozent haben bereits nach zehn Tagen Adhärenzprobleme und 60 Prozent ein zusätzliches Informationsbedürfnis innerhalb der ersten vier Wochen.

Die Apotheken der Schweiz müssen nun aber Wirksamkeit, Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit selbst nachweisen, erklärte Jenkinson, bevor sie mit den Krankenversicherern eine tarifliche Regelung finden. Die neuen Leistungen müssen zudem vom Bundesrat genehmigt werden.

Dreiteiliges Programm zur Therapiebegleitung

Pharmasuisse hat drei pharmazeutische Dienstleistungen für Patienten mit chronischen Erkrankungen unter dem Oberbegriff »myCare« entwickelt:

  • myCare Start soll beim Therapiestart unterstützen und entspricht dem New Medicine Service in England.
  • myCare Support ist eine Therapiebegleitung während der Konsolidierungs- und Erhaltungsphase – also eine kontinuierliche pharmazeutische Betreuung.
  • myCare Safety dient zur Therapieoptimierung bei Risiken und Komplikationen.

Die Dienstleistung myCare Start umfasst zwei Termine nach der Erstabgabe mit der üblichen Beratung bei Neuverordnung eines Medikaments gegen eine chronische Erkrankung. Für diese sogenannten Nachsorge-Konsultationen, die auch telefonisch stattfinden können, sind jeweils rund zehn Minuten veranschlagt.

Der erste Termin soll ein bis zwei Wochen nach der Erstabgabe erfolgen, der zweite Termin weitere zwei bis drei Wochen später. Es gehe vor allem darum, zu erfragen, ob und wie der Patient mit seinem neuen Medikament zurecht kommt, um die Therapietreue zu fördern, erläuterte Allemann, klinischer Apotheker und Assistenzprofessor für Pharmaceutical Care an der Universität Basel.

Machbarkeitsstudie zeigt mangelnde Therapietreue

Bereits 2018 startete eine Machbarkeitsstudie mit zehn Apotheken in verschiedenen Kantonen. Dort wurde der New Medicine Service 160 Patientinnen und Patienten angeboten und letztlich 52-mal durchgeführt. Zu den häufigsten Indikationen zählten Krankheiten des Kreislauf- oder Nervensystems, psychische und Verhaltensstörungen sowie Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes, berichtete Allemann. Der Zeitaufwand blieb im erwarteten Rahmen. Meist konnte den Patienten auch ohne Rücksprache mit dem Arzt weitergeholfen werden.

Bei der ersten Nachsorge-Konsultation hatten 11 Prozent ihr neues Medikament noch nicht angewendet. 19 Prozent hatten bereits eine Dosis ausgelassen. Beim zweiten Gespräch stellten die teilnehmenden Apotheken fest, dass nur zwei Drittel der Patienten ihre neue Therapie auch fortgesetzt hatten. Die Apotheker erfragten die Gründe und versuchten, Lösungen zu finden.

»Eine Befragung zeigte, dass die Patienten mit dieser Form der Betreuung zufrieden waren und die Möglichkeit, Probleme mit der Medikation anzusprechen, gut fanden«, so Allemann. 58,3 Prozent bejahten, dass der Apotheker ihnen geholfen habe, Lösungen für die Schwierigkeiten zu finden, die vom Patienten angesprochen wurden (25,0 Prozent bejahten dies zum Teil, 16,7 Prozent verneinten).

Neue Dienstleistungen brauchen langen Atem

Seit 2023 läuft nun eine Studie zum geforderten Nachweis von Wirksamkeit, Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit mit 176 Apotheken. Geplant ist hier auch ein Kurzbericht an den Arzt nach den Nachsorge-Konsultationen. Zudem werden auch die betreuenden Ärzte zu den Outcomes der Dienstleistung befragt. Die Wahrnehmung der interprofessionellen Zusammenarbeit gehört zu den Endpunkten der Studie, genau wie die Akzeptanzrate der Patienten und die Messung von Patient Reported Outcomes zur Adhärenz. Ende 2025 startete bereits eine weitere Phase zur Evaluation mit 33 Arzt-Apotheken-Clustern, in der es neben dem klinischen Nutzen auch um die kurz- und langfristige Kosteneffektivität geht. Wann die Ergebnisse vorliegen sollen, sagten Jenkinson und Allemann nicht.

In der anschließenden Diskussion zwischen Apothekerinnen und Apothekern aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden wurde klar, dass bei der Implementierung neuer Dienstleistungen in den Apotheken nicht nur ein langer Atem nötig sei, bis es überhaupt erlaubt wird. Es brauche einen ebenso langen Atem, um die pharmazeutischen Dienstleistungen dann auch flächendeckend zu etablieren. Neben einer mangelnden Vergütung liege dies auch am anfänglichen Aufwand, der Dokumentation und einer häufig noch unzureichenden Zusammenarbeit mit den Ärzten.

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