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Trifaroten

Neues Retinoid bei Akne

Die topische Therapie mit Retinoiden bei Akne ist gut etabliert. Jetzt ist ein neuer Wirkstoff hinzugekommen: Trifaroten zeichnet sich durch die Selektivität für einen bestimmten Retinoidrezeptor aus, der vor allem in der Haut exprimiert wird.
Annette Rößler
04.09.2020  09:04 Uhr

Retinoide, die synthetischen Derivate des Retinols (Vitamin A), entfalten ihre Wirkung über die Bindung an nukleäre Retinoidrezeptoren und die anschließende Modifikation der Genexpression. Es werden zwei verschiedene Typen von Retinoidrezeptoren unterschieden: RAR (Retinoid Acid Receptor) und RXR (Retinoid X Receptor). Von diesen existieren wiederum jeweils die drei Subtypen α, β und γ. Ein bestimmter Subtyp, der RARγ, kommt vor allem in der Epidermis und im Infundibulum vor, einem trichterförmigen Abschnitt des Haarfollikels.

Bei Akne führt eine Hyperkeratose im Bereich des Haarfollikels bei gleichzeitiger Talgüberproduktion zu einem Rückstau von Talg. Das Resultat ist ein Komedo, ein Mitesser. In Anwesenheit des Bakteriums Propionibacterium acnes kommt es häufig zu einer Entzündung und Vereiterung der Komedonen. Retinoide normalisieren das Wachstum und die Teilungshäufigkeit der Keratozyten und wirken so komedolytisch und antikomedogen. Zudem haben sie eine – substanzabhängig unterschiedlich stark ausgeprägte – antiinflammatorische Wirkkomponente. Die Talgdrüsenaktivität wird durch Retinoide dagegen nicht gehemmt.

Selektiver RARγ-Agonist

Trifaroten (Selgamis® 50 µg/g Creme, Galderma) ist ein neues Retinoid zur lokalen Therapie der Acne vulgaris im Gesicht und/oder am Rumpf bei Patienten ab zwölf Jahren mit vielen Komedonen, Papeln (Knötchen) und Pusteln (Eiterbläschen). Es ist ein Agonist mit starker Wirkung an RARγ und sehr viel schwächerer an RARα und RARβ (50- beziehungsweise achtfach schwächere Aktivität). Im Tiermodell entfaltete Trifaroten die gleiche komedolytische Wirkung wie andere Retinoide bei etwa zehnfach niedrigerer Dosis.

Die Creme wird in einer dünnen Schicht einmal täglich abends auf die betroffenen, sauberen und trockenen Gesichts- und/oder Körperregionen aufgetragen. Danach sollen die Hände gewaschen werden. Der Kontakt mit Augen, Augenlidern, Lippen und Schleimhäuten ist zu vermeiden. Auf Schnittwunden, Abschürfungen, ekzematöser oder sonnenverbrannter Haut soll das Medikament nicht angewendet werden. Eine häufigere als die empfohlene einmal tägliche Anwendung führt nicht zu schnelleren oder besseren Therapieergebnissen, kann aber übermäßige Rötung, Schuppung oder Hautbeschwerden verursachen.

Selgamis kann die Haut reizen. Deshalb ist bei gleichzeitiger Anwendung von Kosmetika und anderen Aknemitteln mit abrasiver oder austrocknender Wirkung Vorsicht geboten. Eine Enthaarung per Waxing sowie eine übermäßige UV-Licht-Exposition von mit Selgamis behandelten Arealen sollten unterbleiben. Um einer Hautreizung vorzubeugen, sollte parallel zur Trifaroten-Behandlung eine Feuchtigkeitscreme verwendet werden – selbstverständlich mit ausreichendem zeitlichem Abstand zum Trocknen.

Keine Anwendung in der Schwangerschaft

Das Medikament ist in der Schwangerschaft und bei Frauen, die eine Schwangerschaft planen, kontraindiziert. In der Stillzeit muss eine Entscheidung darüber getoffen werden, ob das Stillen oder die Behandlung mit Selgamis zu unterbrechen ist, wobei sowohl der Nutzen des Stillens für das Kind als auch der Nutzen der Behandlung für die Frau zu bedenken sind.

Zulassungsrelevant waren zwei randomisierte, doppelblinde Parallelgruppenstudien, in denen Selgamis über jeweils zwölf Wochen mit der wirkstofffreien Salbengrundlage (Vehikel) verglichen wurde. Teilnehmer waren 2420 Patienten ab neun Jahren mit mittelschwerer Akne im Gesicht und am Rumpf. Neun- bis Elfjährige waren es insgesamt aber nur 34, was für eine Zulassung in dieser Altersgruppe nicht ausreichte.

Der Schweregrad der Akne wurde in den Studien mittels zweier fünfstufiger Skalen bestimmt: Investigator's Global Assessment (IGA) im Gesicht und Physician's Global Assessment (PGA) am Rumpf. In diesen Kategorien erreichten unter Selgamis signifikant mehr Patienten eine Besserung um mindestens zwei Stufen oder bis auf die Stufe 0 (»abgeheilt«) oder die Stufe 1 (»fast abgeheilt«) als unter Vehikel. Die Anzahl entzündlicher Läsionen ging ebenfalls signifikant stärker zurück: -54,4 beziehungsweise -66,2 Prozent unter Selgamis gegenüber -44,8 beziehungsweise -51,2 Prozent unter Vehikel in den jeweiligen Studien. Offenbar wirkte die Therapie noch nach, denn bei einem weiteren Kontrolltermin ein Jahr nach Behandlungsstart hatten sich die IGA- und PGA-Erfolgsraten bei 453 nachbeobachteten Patienten von 22 Prozent in Woche 12 auf 57,9 Prozent mehr als verdoppelt.

Die häufigsten Nebenwirkungen waren Reizungen und Juckreiz an der Applikationsstelle sowie Sonnenbrand. Der maximale Schweregrad der Hautreaktionen war im Gesicht typischerweise nach einer Woche Anwendungsdauer erreicht und am Rumpf nach zwei bis vier Wochen und nahm bei fortgesetzter Anwendung ab.

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