| Theo Dingermann |
| 13.05.2026 09:00 Uhr |
Die medizinische Fachwelt reagiert differenziert. Professor Dr. Robert Kushner, Emeritus an der Northwestern University Feinberg School of Medicine in Chicago, begrüßt gegenüber der Nachrichtenplattform »STAT« den Ansatz ausdrücklich: Ein integrierter Risikoscore für die vielfältigen Adipositas-Komplikationen sei lange überfällig, so der Experte.
Auch Dr. Francisco Lopez-Jimenez von der Mayo Clinic sieht einen wichtigen Impuls, warnt aber vor überhöhten Erwartungen: Für kardiovaskuläre Endpunkte bringe OBSCORE gegenüber bereits etablierten Scores wie ASCVD keinen wesentlichen Mehrwert. Professor Dr. Naveed Sattar von der University of Glasgow schätzt die methodische Sorgfalt, hält den Erkenntnisgewinn für viele Outcomes jedoch für begrenzt, zumal einfachere Scores in der Praxis gut funktionierten.
Die Autoren selbst räumen Grenzen ein. So repräsentiert die UK-Biobank-Population eine gesündere Population als der Bevölkerungsdurchschnitt, was absolute Risikozahlen nach unten verzerrt. Die Kohorte besteht zudem überwiegend aus Personen mittleren bis höheren Alters europäischer Herkunft. Absolute Risikogrenzwerte für klinische Entscheidungen fehlen noch und müssen von der medizinischen Gemeinschaft erst definiert werden.
Der eigentliche Kontext der Studie ist die Frage der gerechten Ressourcenverteilung in einer Zeit, in der hochwirksame, aber teure Medikamente wie Semaglutid und Tirzepatid zur Verfügung stehen, jedoch global knapp sind. Wer soll diese Therapien erhalten und nach welchen Kriterien?
Somit soll OBSCORE kein revolutionärer Systemersatz sein, sondern ein datengetriebenes Unterstützungsinstrument für Kliniker, das bestehende BMI-basierte Leitlinien ergänzt. Eine interaktive Webanwendung unter omicscience.org/apps/obscore/ ermöglicht bereits die individuelle Risikoabschätzung. Der statistische Code ist öffentlich zugänglich.