| Sven Siebenand |
| 30.01.2026 11:00 Uhr |
Viele Menschen leiden unter Symptomen von Kinetosen bei gängigen Fortbewegungsmitteln wie Autos, Flugzeugen oder Booten. Während die meisten Fälle mild verlaufen, entwickeln bis zu 15 Prozent der Betroffenen schwere Symptome. / © Imago Images / Norbert Schmidt
Neurokinin-(NK)-1-Rezeptorantagonisten wie Aprepitant und Netupitant kennt man seit Jahren aus der Onkologie. Dort werden sie erfolgreich zur Prävention von Übelkeit und Erbrechen unter emetogener Chemotherapie eingesetzt.
Nun wurde in den USA ein neuer Vertreter dieser Wirkstoffklasse zugelassen: Tradipitant (Neureus™ 85 mg Kapsel, Vanda Pharmaceuticals). Das verschreibungspflichtige Medikament soll aber nicht bei emetogener Chemotherapie zum Einsatz kommen, sondern zur Vorbeugung von Reiseübelkeit bei Erwachsenen. In der EU liegt bislang noch kein Zulassungsantrag für diesen Wirkstoff bei der europäischen Arzneimittelbehörde EMA vor.
Reisekrankheit entsteht durch einen sensorischen Konflikt zwischen visuellen, vestibulären und propriozeptiven Reizen, der die Freisetzung von Substanz P und die Aktivierung von NK-1-Rezeptoren im Zentralnervensystem auslöst, was zu Übelkeit und Erbrechen führt. Tradipitant ist ein selektiver, hochaffiner Antagonist am NK-1-Rezeptor.
Wichtige Grundlage für die US-Zulassung sind die Ergebnisse von zwei Phase-III-Provokationsstudien unter realen Bedingungen, die auf Booten durchgeführt wurden (Motion Syros und Motion Serifos). In Motion Syros (n = 365) lag die Häufigkeit von Erbrechen bei 18,3 bis 19,5 Prozent unter Tradipitant gegenüber 44,3 Prozent im Placeboarm. In Motion Serifos (n = 316) trat unter Verum bei 10,4 bis 18,3 Prozent der Teilnehmer Erbrechen auf, unter Placebo war dies bei 37,7 Prozent der Fall.
Die empfohlene Dosierung von Tradipitant beträgt 85 mg oder 170 mg als Einzeldosis etwa eine Stunde vor einem Ereignis, das voraussichtlich zu bewegungsbedingter Übelkeit und Erbrechen führt. Die Einnahme sollte auf nüchternen Magen erfolgen, mindestens eine Stunde vor oder zwei Stunden nach einer Mahlzeit.
Die häufigsten beobachteten Nebenwirkungen sind Kopfschmerz, Somnolenz und Müdigkeit. Daher sollten Patienten wissen, dass die Fähigkeit zum Führen eines Kraftfahrzeugs oder zum Bedienen von Maschinen bei ihnen beeinträchtigt sein kann. Hinsichtlich Wechselwirkungen ist zu beachten, dass starke CYP3A4-Hemmer die Tradipitant-Exposition und das Risiko von Nebenwirkungen erhöhen können. Bei schwerer Nierenfunktionsstörung sowie bei milder, moderater oder schwerer Leberfunktionsstörung wird die Therapie mit Tradipitant nicht empfohlen.
Hersteller Vanda Pharmaceuticals kündigte an, dass auch die klinische Entwicklung von Tradipitant zur Behandlung von Gastroparese, einer chronischen Erkrankung, die durch eine verzögerte Magenentleerung und anhaltende Übelkeit sowie Erbrechen gekennzeichnet ist, vorangetrieben wird. Zudem will man den NK-1-Rezeptorantagonisten auch zur Vorbeugung von Übelkeit und Erbrechen, die durch GLP-1-Rezeptoragonisten ausgelöst werden, klinisch untersuchen.