| Kerstin A. Gräfe |
| 27.08.2026 08:00 Uhr |
Menschen mit der seltenen Fettstoffwechselerkrankung FCS haben aufgrund eines Gendefekts extrem hohe Triglyceridspiegel. / © Adobe Stock/syhin_stas
Das familiäre Chylomikronämie-Syndrom (FCS) ist eine sehr seltene erbliche Erkrankung des Fettstoffwechsels. Ursache sind unter anderem Mutationen der Lipoproteinlipase (LPL), wodurch die Hydrolyse von triglyceridreichen Chylomikronen partiell oder gänzlich unmöglich ist. Die Betroffenen entwickeln eine ausgeprägte Hypertriglyceridämie mit typischen Symptomen wie Bauchschmerzen, Fettablagerungen unter der Haut sowie einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse. Zur Behandlung des FCS sind mit Olezarsen und Volanesorsen bereits zwei Wirkstoffe verfügbar. Nun ist Plozasiran hinzugekommen.
Plozasiran ist eine small interfering RNA (siRNA), also ein Siran. Es baut in den Hepatozyten selektiv über den Weg der RNA-Interferenz die mRNA für Apolipoprotein C3 (APOC3) ab. Dies führt zu einem reduzierten APOC3-Proteinspiegel in Leber und Serum. Dadurch wiederum erhöhen sich die Aktivität der Lipoproteinlipase und die Aufnahme triglyceridreicher Lipoproteinreste durch die Hepatozyten; infolgedessen sinken die Triglyceridwerte im Serum.
Plozasiran (Redemplo® 25 mg Injektionslösung in einer Fertigspritze, Arrowhead) wird angewendet als Ergänzung zu Ernährungsmaßnahmen zur Senkung des Triglyceridspiegels bei erwachsenen Patienten mit FCS.
Die empfohlene Dosis beträgt 25 mg als einmalige subkutane Injektion alle drei Monate. Sie kann von den Patienten selbst verabreicht werden. Als Injektionsstellen eignen sich der Oberarm (bei Verabreichung durch eine Pflegeperson), Oberschenkel und Bauch, wobei ein Radius von 5 cm um den Nabel ausgespart werden sollte. Ausgenommen sind auch Bereiche, in denen die Haut empfindlich, gerötet, verhärtet oder verletzt ist oder Blutergüsse, Narben oder Dehnungsstreifen aufweist. Redemplo darf nicht in denselben Bereich injiziert werden, in den andere Arzneimittel gespritzt werden.
Wenn eine Dosis vergessen wurde, sollte Plozasiran so schnell wie möglich verabreicht werden. Danach sollte die Dosierung alle drei Monate ab der zuletzt verabreichten Dosis fortgesetzt werden.
Plozasiran wurde bei Patienten mit mittelschwerer oder schwerer Leberfunktionsbeeinträchtigung nicht untersucht und darf bei diesen Patienten nur angewendet werden, wenn der erwartete klinische Nutzen das potenzielle Risiko überwiegt. Gleiches gilt für Patienten mit schwerer Nierenfunktionsbeeinträchtigung oder terminaler Niereninsuffizienz.
Als Vorsichtsmaßnahme sollte die Anwendung von Plozasiran bei Schwangeren vermieden werden. Bei Stillenden ist zu entscheiden, ob das Stillen unterbrochen oder ob auf die Behandlung mit Plozasiran verzichtet wird.
Die Zulassung basiert auf der randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Phase-III-Studie PALISADE mit 75 FCS-Patienten. Die Teilnehmenden erhielten unter einer kontrollierten Diät ein Jahr lang entweder 25 mg oder 50 mg Plozasiran oder Placebo. Der primäre Wirksamkeitsendpunkt war die mediane prozentuale Veränderung der Nüchtern-Triglyceride gegenüber dem Ausgangswert nach zehn Monaten.
Plozasiran in der Dosierung von 25 mg senkte signifikant den Triglyceridspiegel um 80 Prozent. In der Placebogruppe betrug die Differenz lediglich 17 Prozent. Zudem reduzierte die 25-mg-Dosis den medianen Nüchternspiegel von APOC3 im Serum signifikant um 93 Prozent. Die triglyceridsenkende Wirkung von 50 mg Plozasiran hatte keinen therapeutischen Nutzen gegenüber der empfohlenen Dosis von 25 mg.
Die häufigsten beobachteten Nebenwirkungen waren Hyperglykämie, Kopfschmerz, Übelkeit und Reaktionen an der Injektionsstelle.
Redemplo ist im Kühlschrank bei 2 bis 8 °C zu lagern. Das Medikament darf einmalig für einen Zeitraum von bis zu 30 Tagen bei Raumtemperatur (15 bis 25 °C) gelagert werden.
Das Target von Plozasiran ist nicht neu. Wie die ebenfalls beim familiären Chylomikronämie-Syndrom (FCS) zugelassenen Arzneistoffe Olezarsen und Volanesorsen schaltet auch Plozasiran die ApoC-III-codierende mRNA aus. Plozasiran ist allerdings kein Antisense-Oligonukleotid wie die beiden anderen Substanzen, sondern wirkt über die RNA-Interferenz. Das ist für dieses Indikationsgebiet neu, obwohl Sirane grundsätzlich mittlerweile gut bekannt sind.
Seine Wirksamkeit hat Plozasiran in der PALISADE-Studie bewiesen: Die Nüchtern-Triglyceride gingen unter dem Neuling nach zehn Monaten median um 80 Prozent zurück. Zudem traten weniger akute Pankreatitiden auf als unter Placebo. Einen direkten Vergleich mit Olezarsen, das gegenüber Volanesorsen bereits Fortschritte brachte, gibt es bisher nicht.
Die vorläufige Einstufung als Schrittinnovation lässt sich auch damit begründen, dass Plozasiran beim Dosierungsintervall punktet: Es wird nur einmal alle drei Monate subkutan injiziert, Olezarsen dagegen einmal monatlich. Zum anderen deckt Plozasiran eine breitere Patientenpopulation ab. Für Olezarsen verlangt die europäische Zulassung ein genetisch bestätigtes FCS. Plozasiran kann dagegen auch bei rein klinisch diagnostizierten Patienten eingesetzt werden. Das ist momentan möglicherweise der wichtigste Unterschied zwischen den beiden Präparaten.
Sven Siebenand, Chefredakteur