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Gemtuzumab Ozogamicin

Neue Therapieoption bei Leukämie

Anfang September kam mit Gemtuzumab Ozogamicin (Mylotarg® 5 mg Pulver für ein Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, Pfizer) ein neues Zytostatikum zur Behandlung von Patienten mit akuter myeloischer Leukämie (AML) auf den Markt. Eingesetzt werden darf es in Kombination mit Standardchemotherapie bestehend aus Daunorubicin und Cytarabin bei Patienten ab 15 Jahren mit neu diagnostizierter Erkrankung, deren Tumor das Oberflächenprotein CD33 exprimiert (CD33-positive AML). Ausgenommen ist die akute p
Kerstin Gräfe
28.09.2018
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Gemtuzumab Ozogamicin ist ein Antikörper-Wirkstoff-Konjugat, in dem der gegen den B-Zell-Rezeptor CD33 gerichtete monoklonale Antikörper Gemtuzumab kovalent an Ozogamicin gebunden ist. Letzteres ist ein Derivat der hochgradig zelltoxischen Substanz Calicheamicin. CD33 wird bei mehr als 90 Prozent der AML-Patienten auf der Oberfläche von Myeloblasten exprimiert. Bindet das Antikörper-Wirkstoff-Konjugat an das CD33-Antigen auf der Zelloberfläche, wird es in die Zelle aufgenommen und Ozogamicin anschließend freigesetzt, was den Zelltod verursacht.

Mylotarg wird als Infusion über einen Zeitraum von zwei Stunden intravenös verabreicht. In der Induktionsphase erhalten die Patienten drei Infusionen des Präparats, und zwar an den Tagen 1, 4 und 7. Die empfohlene Dosis beträgt 3 mg/m2 (maximal begrenzt auf eine Durchstechflasche zu 5 mg). Um infusionsbedingte Reaktionen abzumildern, wird eine Prämedikation bestehend aus einem Corticoid, Antihistaminikum und Paracetamol eine Stunde vor Gabe des Zytostatikums empfohlen. Zudem sollten Puls, Blutdruck und Körpertemperatur während der Infusion engmaschig kontrolliert werden. Patienten, deren Krebs auf die Erstbehandlung anspricht, erhalten unter Umständen bis zu zwei Konsolidierungsphasen mit Gemtuzumab Ozogamicin (plus Daunorubicin und Cytarabin). Die genauen Angaben zur Dosierung, Dosisanpassung sowie zum jeweiligen Behandlungsschema finden sich in der Fachinformation.

Auf Leberwerte achten

Bei mit Mylotarg behandelten Patienten wurde eine erhöhte Lebertoxizität, Leberversagen und Lebervenenverschlusskrankheit beobachtet. Vor jeder Mylotarg-Gabe sind daher die Werte von ALT, AST, Gesamtbilirubin und alkalischer Phosphatase zu überprüfen. Des Weiteren müssen Größe der Leber, Gewicht und Bauchraum (Verdacht auf Aszites) engmaschig kontrolliert werden. Treten Anzeichen einer Lebertoxizität auf, ist die Therapie nach Ermessen des Arztes zu unterbrechen oder abzubrechen. Bei Anzeichen auf eine Lebervenenverschlusskrankheit ist die Behandlung dauerhaft zu beenden.

Des Weiteren traten in den klinischen Studien Fälle von Neutropenie, Thrombozytopenie, Anämie, Leukopenie, febriler Neutropenie, Lymphopenie und Panzytopenie, von denen einige lebensbedrohlich oder tödlich waren. Daher sollte vor jeder Gabe ein Blutbild angefertigt werden. Während der Behandlung sollten die Patienten auf klinische Zeichen und Symptome einer Infektion, Blutung/Hämorrhagie oder anderer Folgen einer Myelosuppression überwacht werden. Während und nach der Behandlung sind routinemäßige klinische Kontrollen und Laborwertkontrollen angezeigt.

Im Rahmen der Überwachung bei der Markteinführung wurde über tödliche Fälle von einem Tumorlyse-Syndrom aufgrund von akutem Nierenversagen berichtet. Die Patienten sollten dahingehend überwacht werden und gegebenenfalls medizinisch behandelt werden. Zur Vermeidung einer tumorlysebedingten Hyperurikämie eignen sich zum Beispiel Allopurinol oder Rasburicase.

Ereignisfreies Überleben signifikant verlängert

Die Zulassung beruht auf einem umfangreichen Studienprogramm, unter anderem auf der Phase-III-Studie ALFA-0701 mit 271 neu diagnostizierten AML-Patienten. Sie erhielten randomisiert entweder Mylotarg in einer Dosierung von 3 mg/m2 (maximal begrenzt auf eine Durchstechflasche zu 5 mg) an den Tagen 1, 4 und 7 in Kombination mit einer Chemotherapie (n = 135) oder eine alleinige Chemotherapie (n = 136). Die zusätzliche Gabe von Gemtuzumab Ozogamicin konnte im Vergleich zur alleinigen Gabe von Daunorubicin und Cytarabin den Zeitraum bis zum Wiederauftreten des Krebses um bis zu acht Monate verlängern kann. Mylotarg-Patienten erreichten ein medianes ereignisfreies Überleben (event-free survival, EFS) von 17,3 Monaten, verglichen mit 9,5 Monaten in der Kontroll-Gruppe (p  0,0002). Das EFS war primärer Endpunkt der Studie.

Die häufigsten (> 30 Prozent) Nebenwirkungen des Medikaments in Kombination mit Daunorubicin und Cytarabin sind Blutungen und Infektionen. Zudem können Fieber, Übelkeit, Erbrechen, Obstipation, Kopfschmerz, erhöhte AST- und ALT-Werte, Exantheme und Schleimhautentzündungen auftreten. Zu den schwerwiegenden Nebenwirkungen gehören Hepatotoxizität, darunter venöse okklusive Leberkrankheit, Blutungen und schwere Infektionen.

Frauen im gebärfähigen Alter sollten angewiesen werden, während der Behandlung nicht schwanger zu werden. Das Präparat darf während der Schwangerschaft nicht angewendet werden, außer wenn der mögliche Nutzen für die Mutter gegenüber den potenziellen Risiken für den Fetus überwiegt. Wegen möglicher Nebenwirkungen bei gestillten Kindern dürfen Frauen während der Behandlung mit dem Präparat und für mindestens einen Monat nach der letzten Dosis nicht stillen.

Mylotarg ist im Kühlschrank bei 2 bis 8 °C zu lagern.

Foto: Stock Adobe/Crevis

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