| Annette Rößler |
| 30.09.2026 07:00 Uhr |
Die Blase ist als Sammelbehälter des Urins ständig Noxen ausgesetzt. Das kann eine Krebsentstehung begünstigen. / © Getty Images/magicmine
Jedes Jahr erkranken in Deutschland laut der Website Onkopedia circa 32.000 Menschen an Blasenkrebs. Die meisten Patienten sind zum Zeitpunkt der Diagnose bereits älter als 70 Jahre. Männer sind deutlich häufiger betroffen als Frauen (Verhältnis etwa 3:1). Bei einem Großteil der Patienten (85 Prozent) liegt zunächst ein nicht muskelinvasiver Blasenkrebs (NMIBC) vor, der operativ abgetragen werden kann.
Um das Rezidivrisiko zu senken, wird anschließend häufig das Immunsystem lokal durch eine Therapie mit BCG stimuliert. BCG ist ein abgeschwächtes Mykobakterium, das als Lösung per Katheter in die Blase gegeben wird (Instillation), dort eine Zeit lang verbleibt und schließlich ausgeschieden wird. Bei fünf bis sieben von zehn Patienten spricht der Krebs jedoch auf diese Behandlung nicht an oder es kommt zum Rezidiv. In diesen Fällen sind die therapeutischen Möglichkeiten begrenzt; meist muss die Harnblase entfernt werden.
Für erwachsene Patienten mit BCG-unresponsivem NMIBC steht nun eine neue Therapieoption zur Verfügung: Nogapendekin alfa Inbakicept (Anktiva® 400 µg Konzentrat zur Herstellung einer intravesikalen Suspension, Immunity-Bio Ireland), das zusammen mit BCG als Blaseninstillation angewendet wird. Es dürfen ausschließlich Patienten mit einem Carcinoma in situ (CIS) behandelt werden. Ein CIS ist auf die oberste Gewebeschicht begrenzt und hat kein Tiefenwachstum, ist aber sehr aggressiv und kann häufig zu Metastasen führen. Papilläre Veränderungen des Tumors, die warzen- oder blumenkohlartig in das Innere der Harnblase wachsen, sind erlaubt.
Um den Wirkmechanismus von Nogapendekin alfa Inbakicept zu verstehen, muss man den IL-15-Rezeptor genauer betrachten. Dieser besteht aus drei Untereinheiten: einer Alpha-Kette (IL-15Rα), die spezifisch für IL-15 ist, sowie einer Beta-Kette (βc) und einer Gamma-Kette (γc). Die βc und die γc teilt der IL-15-Rezeptor mit dem IL-2-Rezeptor, weshalb beide Interleukine ähnliche Effekte haben: unter anderem die Stimulation der Proliferation und Differenzierung von T- und B-Lymphozyten sowie von natürlichen Killerzellen (NK-Zellen). Im Gegensatz zu IL-2 stimuliert IL-15 aber nicht auch regulatorische T-Zellen (Treg).
IL-15 kann sowohl direkt an den IL-15Rα, an einen Komplex aus βc und γc (IL-2/IL-15-Rezeptor) als auch an den heterotrimeren Komplex aus α-, β- und γ-Kette binden. Die Bindung an IL-15Rα verstärkt die Signalgebung, indem an IL-15Rα gebundenes IL-15 an den IL-2/IL-15-Rezeptor transpräsentiert wird.
Nogapendekin alfa Inbakicept ist ein sogenannter IL-15-Superagonist, also ein Molekül, das den IL-15-Rezeptor stärker aktiviert als der natürliche Agonist. Zum einen enthält der neue Wirkstoff Nogapendekin alfa, eine modifizierte Variante von IL-15, die eine verstärkte agonistische Aktivität besitzt. Diese ist an das Fusionsprotein Inbakicept, bestehend aus einer Domäne von IL-15Rα und einem IgG1-Fragment, gebunden. Der Effekt ist eine Proliferation und Aktivierung insbesondere von NK-, CD4+-, CD8+- und Gedächtnis-T-Zellen, aber nicht von Treg-Zellen. Die Kombination mit BCG ist sinnvoll, weil sich die Wirkprinzipien ergänzen: BCG führt zu einer bakteriellen Blasenentzündung, die eine breite Immunantwort induziert; Nogapendekin alfa Inbakicept stimuliert gezielt die IL-15-Schiene.
Für die Therapie wird eine Mischung aus 400 µg Nogapendekin alfa Inbakicept mit BCG erzeugt, die ein Gesamtvolumen von 50 ml hat. Diese wird per Katheter in die Harnblase gegeben, wo sie zwei Stunden verbleibt und dann ausgeschieden wird.
Die Behandlung erfolgt zunächst einmal wöchentlich über einen Zeitraum von sechs Wochen. Bei Bedarf kann diese Induktionstherapie nach Woche 12 einmalig wiederholt werden. Danach schließt sich eine Erhaltungstherapie an, während der die Kombination aus Nogapendekin alfa Inbakicept und BCG in den Monaten 4, 7, 10, 13 und 19 jeweils einmal wöchentlich über einen Zeitraum von drei aufeinanderfolgenden Wochen intravesikal verabreicht wird. Bei Patienten mit anhaltendem vollständigem Ansprechen können weitere wöchentliche Erhaltungsinstillationen über jeweils drei Wochen in den Monaten 25, 31 und 37 erfolgen. Während der Therapie wird der Tumorstatus mindestens zu festgelegten Zeitpunkten engmaschig kontrolliert, um zu beurteilen, ob eine operative Entfernung der Harnblase nötig ist.
Die häufigsten Nebenwirkungen der Behandlung sind Dysurie, Hämaturie, Pollakisurie, Harnwegsinfektionen, Harndrang, Ermüdung, Schüttelfrost, Muskel- und Skelettschmerzen sowie Fieber. Häufigste schwerwiegende Nebenwirkungen sind Harnwegsinfektionen, Bakteriämie und Hämaturie.
Während der Schwangerschaft wird die Anwendung nicht empfohlen. Frauen im gebärfähigen Alter müssen während und bis zu eine Woche nach der Behandlung zuverlässig verhüten. In der Stillzeit ist die Anwendung dagegen erlaubt.
Der Wirksamkeitsnachweis für Nogapendekin alfa Inbakicept wurde in der Studie QUILT-3.032 erbracht. An der offenen, einarmigen Studie nahmen 100 Patienten mit BCG-unresponsivem Hochrisiko-NMIBC mit CIS teil.
Die Patienten erhielten Induktionsbehandlungen und anschließend eine Erhaltungstherapie bis Monat 19, die den nun zugelassenen Schemata entsprachen. Der Tumorstatus wurde über einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren alle drei Monate beurteilt. Der wichtigste Wirksamkeitsparameter, das vollständige Ansprechen zu einem beliebigen Zeitpunkt, wurde von 71 Prozent der Patienten erreicht. Die mediane Dauer des vollständigen Ansprechens betrug 26,6 Monate.
Anktiva wurde unter »besonderen Bedingungen« zugelassen. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) erwartet also weitere Informationen zu dem Präparat und wird diese jährlich bewerten.
Die Lagerung erfolgt bei 2 bis 8 °C im Kühlschrank und im Umkarton, um den Inhalt vor Licht zu schützen.
Mit Nogapendekin alfa Inbakicept ist der Titel »Zungenbrecher-Name 2026« in der Kategorie neue Wirkstoffe vergeben. Davon unabhängig weist Nogapendekin alfa Inbakicept ein hohes Innovationspotenzial auf, weil es eine neue, lokal applizierte IL-15-basierte Immuntherapie ist.
Das ist pharmakologisch interessant: Nogapendekin alfa Inbakicept ist ein IL-15-Superagonist mit sowohl einem modifizierten IL-15- als auch einem IL-15Rα-Anteil. Dadurch wird die physiologische Transpräsentation von IL-15 nachgeahmt und insbesondere die Aktivierung und Expansion von NK- und CD8+-T-Zellen gefördert. Eine Proliferation von Treg-Zellen, die die Immunantwort gegen den Tumor bremsen könnten, findet nicht statt.
In Kombination mit Bacillus Calmette Guérin (BCG) ist Nogapendekin alfa Inbakicept eine neue Option für Erwachsene mit einer bestimmten Form von Harnblasenkrebs. Gerade für Patienten, bei denen BCG allein versagt und eine Zystektomie nicht infrage kommt oder abgelehnt wird, adressiert die Therapie einen erheblichen ungedeckten Bedarf.
Ein vollständiges Ansprechen bei 71 Prozent der Patienten und eine mediane Dauer des vollständigen Ansprechens von fast 27 Monaten in der einarmigen Studie QUILT-3.032 sind klinisch beachtliche Ergebnisse. Allerdings fehlte ein randomisierter Kontrollarm, sodass der Zusatznutzen gegenüber anderen Strategien noch nicht abschließend quantifiziert werden kann.
In der Fachinformation ist zudem ein Warnhinweis zu finden, der sich auf das Risiko des Fortschreitens der Krebserkrankung bei verzögerter Entfernung der Harnblase bezieht. Das gilt es beim Einsatz des neuen Wirkstoffs auch immer zu bedenken. Vorläufig ist die Einstufung als Sprunginnovation aber gewiss gerechtfertigt.
Spannend wird sein, wie es mit dem neuen Wirkstoff weitergeht. In der Kombination mit Tislelizumab wird Nogapendekin alfa Inbakicept derzeit in Phase III bei Lungenkrebs getestet.
Sven Siebenand, Chefredakteur