| Theo Dingermann |
| 30.09.2026 11:35 Uhr |
1970 entstand aus den Flugblättern das regelmäßig erscheinende Arznei-Telegramm. / © Getty Images/Michail_Petrov-96
Der Herausgeber Wolfgang Becker-Brüser informierte kürzlich alle Abonnenten, dass zum Jahresende auch das Ende des »Arznei-Telegramms« (a-t) gekommen ist. Grund sei vor allem die ungelöste Nachfolge. Er selbst, so der Arzt und Apotheker, ziehe sich nach fünfzig Jahren beim a-t, davon dreißig Jahre als verantwortlicher Redakteur, aus Altersgründen zurück. Eine geplante Nachfolge aus der Redaktion kam nicht zustande. Die letzte Ausgabe soll im Dezember erscheinen.
Damit stellt eine Publikation ihr Erscheinen ein, deren Geschichte eng mit der Entwicklung einer kritischen Arzneimittelbewertung in Deutschland verbunden ist. Ihre Ursprünge reichen in die Jahre 1969 und 1970 zurück. Junge Ärzte und Studenten gründeten damals in Berlin den Unabhängigen Arbeitskreis Arzneimittelpolitik Berlin (UAAB) und verbreiteten zunächst Flugblätter. Ihr Ziel war eine Arzneimittelinformation, die nicht die Perspektive der Pharmaindustrie widerspiegelte.
Den Hintergrund bildeten Skandale wie Contergan und Menocil, die erhebliche Zweifel an der Arzneimittelsicherheit und der Selbstkontrolle der Arzneimittelhersteller ausgelöst hatten. Besonders die Contergan-Katastrophe prägte das Selbstverständnis des a-t. Das Präparat war von 1957 bis 1961 überwiegend als rezeptfreies Schlafmittel erhältlich. Nach Einnahme in der Frühschwangerschaft kamen weltweit mehr als 10.000 Kinder mit Fehlbildungen zur Welt.
Der 1970 ohne Verurteilung beendete Contergan-Prozess offenbarte zugleich gravierende Defizite der damaligen Arzneimittelprüfung. Daraus leitete das a-t ein Prinzip ab, das seine Arbeit über Jahrzehnte bestimmen sollte: Bei begründetem Verdacht auf Arzneimittelrisiken müsse der vorbeugende Patientenschutz Vorrang vor Vermarktungsinteressen haben.
1970 entstand aus den Flugblättern das regelmäßig erscheinende Arznei-Telegramm. Schon die ersten Ausgaben behandelten neben Nutzen und Risiken von Arzneimitteln auch Preise, internationale Preisunterschiede und Marketingmethoden der Hersteller. Diese kritische Gegenposition führte früh zu Konflikten. Die Redaktion sah sich Klageandrohungen und einstweiligen Verfügungen ausgesetzt; Pfizer stellte 1970 sogar eine Schadenersatzforderung über 2,3 Millionen DM.