| Theo Dingermann |
| 06.10.2026 10:00 Uhr |
Besonders intensiv untersuchten die Forschenden den Kandidaten E20. In Mäusen transportierten E20-SNP mRNA effizient in vivo. Mit mRNA für humanes Erythropoetin erreichten sie Proteinspiegel, die mit konventionellen LNP vergleichbar waren. Entscheidend war jedoch die Immunreaktion. Bei Mäusen, bei denen zuvor mit Lipopolysaccharid (LPS) eine systemische Entzündung ausgelöst worden war, verstärkten herkömmliche LNP die Entzündungsreaktion deutlich und erhöhten unter anderem IL-6, IL-1β und MIP-2. E20-SNP zeigten diesen Effekt dagegen nicht.
Besonders drastisch fiel der Unterschied bei der Übertragung von Plasmid-DNA aus. Nach Gabe von pDNA, die in konventionellen LNP transportiert wurde, starben in dem kleinen Tierversuch alle behandelten Mäuse innerhalb von 24 Stunden. Die mit E20-SNP behandelten Tiere überlebten dagegen den gesamten siebentägigen Beobachtungszeitraum und exprimierten gleichzeitig das eingeschleuste Luciferase-Gen. Die geringe Toxizität ließ sich somit nicht einfach durch eine geringere Transfektion erklären.
Auch Experimente mit humanen mononukleären Zellen des peripheren Blutes (PBMC) stützen das Konzept. Während verschiedene konventionelle LNP die Ausschüttung inflammatorischer Zytokine auslösten, induzierten E20-SNP keines der 14 untersuchten Zytokine in relevantem Umfang. Gleichzeitig blieb die mRNA-Transfektion effizient.
Mechanistisch liefern die Untersuchungen eine plausible Erklärung. Die SNP aktivierten weder TLR4 noch das Komplementsystem und lösten auch keine PAF-Freisetzung aus. Offenbar ermöglichen sie zudem einen endosomalen Austritt der mRNA, ohne die Membran in gleicher Weise zu schädigen wie klassische LNP.
Dass die geringere Entzündungsaktivierung therapeutisch relevant sein könnte, demonstrierten die Forschenden in einem Mausmodell der LPS-induzierten akuten Lungenschädigung. Drei Stunden nach Auslösung der Entzündung erhielten die Tiere IL-22-mRNA in unterschiedlichen Nanopartikeln. E20-SNP normalisierten sowohl die erhöhte pulmonale Gefäßpermeabilität als auch die Leukozyteninfiltration weitgehend, während konventionelle LNP deutlich schlechter abschnitten. Die Unterschiede ließen sich nicht durch eine höhere IL-22-Expression erklären.
Die Ergebnisse könnten insbesondere für Nukleinsäuretherapien interessant sein, die hohe oder wiederholte Dosierungen erfordern. Bis zu einer klinischen Anwendung ist es allerdings noch ein weiter Weg. Somit liefert die Arbeit noch keine unmittelbar klinisch einsetzbare Alternative zu etablierten LNP, wohl aber einen bemerkenswerten konzeptionellen Fortschritt.