| Sven Siebenand |
| 06.08.2026 18:00 Uhr |
Starker Harndrang ist ein häufiges Symptom bei Harnwegsinfektionen. / © Getty Images/ Peter Dazeley
Die EAU stellt damit nicht mehr primär die Anatomie oder das Vorliegen bestimmter Risikofaktoren in den Mittelpunkt, sondern die klinische Präsentation des Patienten und die Frage, ob bereits eine systemische Infektion vorliegt.
Warum wurde die Klassifikation in der Leitlinie eigentlich geändert? Schließlich gelten die Begriffe »kompliziert« und »unkompliziert« als über Jahrzehnte gelernt. Die Antwort darauf dürfte sein, dass die Einteilung im klinischen Alltag dann doch mitunter zu Missverständnissen führte. So galt beispielsweise bereits das männliche Geschlecht automatisch als Merkmal einer komplizierten Harnwegsinfektion – eine Pauschalisierung, die möglicherweise überzogen ist. Ebenso wurden bisher sehr unterschiedliche Patientengruppen unter dem Begriff »kompliziert« zusammengefasst, obwohl ihr tatsächliches Risiko erheblich variierte. Fortan lautet die entscheidende Frage: Liegt eine lokal begrenzte Blaseninfektion vor oder ist die Infektion bereits systemisch?
Eine lokalisierte Harnwegsinfektion entspricht im Wesentlichen einer akuten Zystitis. Die Entzündung ist auf die unteren Harnwege begrenzt, und es bestehen keine Zeichen einer systemischen Infektion. Diese Definition gilt gleichermaßen für Frauen und Männer. Typische Symptome sind Brennen oder Schmerzen beim Wasserlassen, häufiges Wasserlassen, starker Harndrang, Inkontinenz, urethraler Ausfluss sowie Schmerzen oberhalb des Schambeins oder Druckgefühl. Entscheidend ist das Fehlen von Fieber, Schüttelfrost oder anderen Allgemeinsymptomen.
Warnzeichen einer systemischen Harnwegsinfektion sind dagegen unter anderem Fieber, Schüttelfrost, Tachykardie, Hypotonie oder Delir. Lokale Symptome wie Dysurie oder häufiger Harndrang, etwa im Rahmen einer Pyelonephritis oder Prostatitis, können zusätzlich bestehen, müssen aber nicht zwingend vorhanden sein.
Die EAU trennt zwischen der Art der Infektion und den Risikofaktoren. Eine lokalisierte Harnwegsinfektion kann also durchaus bei einem Hochrisikopatienten auftreten.
Zu den wichtigsten Risikofaktoren zählen zum Beispiel anatomische oder funktionelle Anomalien der Harnwege, Harnsteine, Dauerkatheter, Säuglingsalter, hohes Alter und Gebrechlichkeit, Immunsuppression, eine kürzlich erfolgte Antibiotikatherapie sowie geschlechtsspezifische Aspekte. Dazu zählen bei Frauen Schwangerschaft und Beckenorganprolaps und bei Männern eine benigne Prostataobstruktion oder eine chronische bakterielle Prostatitis.
In der Leitlinie heißt es, dass die neue Klassifikation es Ärzten ermöglichen soll, zwischen einer lokalisierten Harnwegsinfektion, die in der Regel ambulant behandelt werden kann, und einer komplexeren systemischen Harnwegsinfektion schnell zu unterscheiden. Letztgenannte erfordere möglicherweise eine Blutentnahme, bildgebende Verfahren wie Ultraschall, eine intravenöse Antibiotikatherapie und einen Krankenhausaufenthalt.