| Christina Hohmann-Jeddi |
| 20.08.2026 16:20 Uhr |
Für Kinder im Alter von neun bis zehn Jahren wird jetzt eine neue Früherkennungsuntersuchung eingeführt – mit Schwerpunkten auf Übergewicht, Medienkonsum und psychische Gesundheit. / © Getty Images/ljubaphoto
Um Erkrankungen und Fehlentwicklungen bei Kindern früh zu erkennen, gibt es eine Reihe von Vorsorgeuntersuchungen, die sogenannten U-Untersuchungen (U1 bis U9). Zwischen der bisher letzten Kinderuntersuchung U9 im Alter von fünf Jahren und der Jugenduntersuchungen J1 mit 13 bis 14 Jahren besteht eine große Lücke. Um diese zu schließen, wird nun die zusätzliche Früherkennungsuntersuchung U10 im Alter von neun bis zehn Jahren eingeführt.
Dessen Inhalte hat heute der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) beschlossen. Der Fokus liegt auf den Themen Übergewicht, körperliche Aktivität, digitaler Medienkonsum und psychische Auffälligkeiten. Ein weiterer wichtiger Bestandteil der neuen U10 sei die Impfberatung, um vor allem die Rate der Impfungen gegen das Humane Papillomavirus (HPV) bei Jungen und Mädchen zu erhöhen, schreibt der G-BA in einer Mitteilung. Die Impfquote liegt bei 15-jährigen Mädchen mit 55 Prozent und bei gleichaltrigen Jungen mit etwa 36 Prozent derzeit deutlich unter der Maßgabe der Weltgesundheitsorganisation von 90 Prozent bis 2030.
Zudem legte der G-BA fest, dass die Ergebnisse der J1 ebenfalls im Kinderuntersuchungsheft (»Gelbes Heft«) erfolgen soll. Das solle »dazu beitragen, die Aufmerksamkeit für die HPV-Impfung und generell für dieses Früherkennungsangebot für Teenager zu erhöhen«, heißt es vom G-BA.
Zu der Einführung der U10 kommentiert Dr. Bernhard van Treeck, unparteiisches Mitglied des G-BA und Vorsitzender des Unterausschusses Methodenbewertung, in der Mitteilung: »Speziell für Kinder im Alter zwischen neun und zehn Jahren weisen Studienergebnisse auf besondere Risiken hin: Zu viel Handy- oder Computernutzung kann zum Beispiel zu Sprachentwicklungs- und Konzentrationsstörungen führen. Bewegungsmangel vermindert die körperliche Fitness und kann Übergewicht und andere Erkrankungen begünstigen.« Mit der neuen U10 hätten Kinderärztinnen und Kinderärzte nun die Möglichkeit, Kinder und Eltern zu möglichen Gesundheitsrisiken zu beraten und über vorbeugende Angebote zu informieren.
Van Treeck weist auch auf zwei Besonderheiten der U10 hin: Zum einen falle die Anamnese inklusive der Familienanamnese detailliert aus, um eventuell bestehende familiäre Vorbelastungen abzuklären. Zum anderen wird erstmals in einer U-Untersuchung ein standardisierter Fragebogen zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität, die das psychische Wohlbefinden des Kindes umfasst, eingesetzt. Dieser soll von den Eltern vor der Untersuchung ausgefüllt werden. Die Ergebnisse der U-Untersuchung werden dann gemeinsam mit dem Kind besprochen.
Die neue U10 könnte die bisher »problematische« Lücke, die die gesamte Grundschulzeit und auch den Beginn der weiterführenden Schule umfasst, zwischen der U9 und der J1 verringern und die Teilnahme an der Jugenduntersuchung verbessern, meint Professor Dr. Ursula Felderhoff-Müser, Direktorin der Klinik für Kinderheilkunde I am Universitätsklinikum Essen und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ). »Während die U1 bis U9 wahrscheinlich aufgrund der kürzeren Zeitabstände fast vollständig wahrgenommen werden, erreicht die J1 aktuell nicht einmal die Hälfte der Jugendlichen«, betont sie. »Wir verlieren also ausgerechnet in dieser prägenden Phase den regelmäßigen kinder- und jugendärztlichen Kontakt.«
Für eine erfolgreiche Prävention, etwa bei der Adipositas, sei es aber nicht nur wichtig, Auffälligkeiten festzustellen. Die Kinder müssten auch eine Intervention erhalten und in eine strukturierte Versorgung kommen – mit Beratung sowie Anbindung an Schulungs- und Bewegungsprogramme.