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BKK Gesundheitsatlas 2019

Netzwerken als Lösung

Um die Gesundheitsversorgung zeitgemäß und besser aufzustellen, fordern die Betriebskrankenkassen (BKK) eine stärkere Vernetzung der einzelnen Gesundheitsakteure. Franz Knieps, Chef des BKK Dachverbands, regt dazu eine grundlegende Reform der Sozialgesetzgebung an.
Ev Tebroke
28.05.2019
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Sektorengrenzen waren gestern, heute sind Netzwerke essenziell, um eine optimale Gesundheitsversorgung gewährleisten zu können. Davon ist BKK-Vorstand Franz Knieps überzeugt. Trotz einzelner Brücken über die Sektorengrenzen hinweg, sei in Deutschland der Ansatz eines nach Sektoren gegliederten Gesundheitswesens jedoch weiterhin dominierend und kaum ernsthaft infrage gestellt, so Knieps heute im Rahmen der Präsentation des diesjährigen BKK Gesundheitsatlas »Netzwerk(n) für Gesundheit« in Berlin. Das müsse sich endlich ändern.

Bislang müssten sich besondere Versorgungsformen, wie etwa hausarztzentrierte Versorgungsmodelle oder Arztnetze, als Ausnahme von der Regel definieren, verbunden mit komplexen Verwaltungsvorgängen. Knieps regt zum Umdenken an. Integrierte und vernetzte Versorgung soll endlich Vorrang vor sektorspezifischen Ansätzen haben. Seine Forderung: eine Neufassung des Fünften Sozialgesetzbuchs (SGB V): »Das SGB V ist grundsätzlich zu reformieren«, sagte der Jurist Knieps. Das vor rund 30 Jahren in Kraft getretene Regelwerk sei veraltet und basiere auf einem nicht mehr zeitgemäßen Leitbild in dessen Mittelpunkt der Arzt steht. In heutigen Zeiten, in denen es etwa um eine lebenslange Begleitung von chronischen Erkrankungen geht, sei dies nicht mehr sinnvoll.

»Im Bereich Verträge etwa ist die Sektorenlogik dominierend«, kritisierte Knieps. Im Zentrum eines reformierten SGB V sollte hingegen die Netzwerk-Versorgung stehen. Hinderlich ist die derzeitige Logik auch im Bereich Digitales. Demnach braucht jede Digitalisierungsform sektorenspezifisch eine eigene Rechtsgrundlage. Der BKK-Chef verweist in diesem Zusammenhang auf den für die Gesetzlichen Krankenkassen als Sozialversicherungsträger zentralen Satz § 30 SGB IV. Sinngemäß sei dort festgeschrieben, »dass alles, was nicht ausdrücklich im SGB erlaubt ist, verboten ist«. Dieses Prinzip will Knieps umdrehen: »Was nicht ausdrücklich verboten ist, ist erlaubt.«

Eine Neuregelung brauche es auch im Bereich der Arzt-Vergütung. Das ärztliche Vergütungsrecht ist laut Knieps ein Gedankengebäude, das niemand mehr versteht – ein »eingerostetes Räderwerk«. Auch fokussiere das SGB V zu sehr auf die reine Gesundheitsleistung. »Es endet immer an der Grenze der gesundheitlichen Hilfe. Es ist aber notwendig, auch die soziale Hilfe einzubeziehen.« Der BKK-Chef fordert daher einen grundsätzlichen Richtungswechsel in den rechtlichen Grundlagen des SGB V.

»Besondere Versorgung«

Insbesondere auch § 140a SGB V, der die integrierte Versorgung regelt, hält die BKK für ausbaufähig. Ein Beispiel, wohin die Reise hier in Zukunft gehen soll, zeigt die ambulante Krisenversorgung psychisch belasteter Menschen des Netzwerks Pinel, die Thomas Floeth, Vorstand des Dachverbands Gemeindepsychiatrie und Pinel-Geschäftsführer, in Berlin vorstellte. Die Arbeit in multiprofessionellen Netzwerken, bei der Betroffene ambulant unter Mithilfe von Menschen mit eigener Psychiatrieerfahrung sowie Angehörigen in ihrer gewohnten Lebenswelt betreut werden, reduziere die Zahl der Klinikaufenthalte deutlich. Feedback und Erfolgsrate sind demnach sehr positiv: Betroffene fühlten sich aktiv eingebunden, als Gestalter nicht als Opfer, so Floeth. Die Finanzierung dieser vernetzten fachübergreifenden Hilfe läuft über Verträge zur »Besonderen Versorgung« (§ 140a SGB V) und kommt derzeit 1200 Menschen in Berlin und Umgebung zugute. Den Bereich »Besondere Versorgung« hält auch Floeth für ausbaufähig. »Mehr Kassen sollten in dieses System investieren«, so der Pinel-Chef. Mittelfristig sollte es Teil der Regelversorgung werden.

 

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