Pharmazeutische Zeitung online
Frühgeborene

Musik soll Hirnreifung unterstützen

Mit einer speziell für Frühgeborene komponierten Musik wollen Forscher aus der Schweiz die Hirnreifung der Babys unterstützen. Erste Ergebnisse zeigen einen positiven Effekt.
Annette Mende
03.06.2019
Datenschutz bei der PZ

Es piepst und blinkt, Türen gehen auf und fallen zu: Frühchen sind auf der Neugeborenen-Intensivstation vielen Reizen ausgesetzt – ganz anders als im Mutterleib, wo sie sich in diesem Stadium ihrer Entwicklung eigentlich idealerweise noch befinden sollten. Der enorme Stress kann lebenslange Spuren in den Gehirnen der Kleinen hinterlassen; in der späteren Kindheit haben viele Frühchen mit Lernschwierigkeiten und Aufmerksamkeitsdefiziten zu kämpfen. Ein Forscherteam um Dr. Lara Lordier von der Universität Genf untersuchte jetzt, ob sich Musik positiv auf die Hirnentwicklung auswirkt.

»Wir wollten musikalische Stimuli schaffen, die zur Situation der Babys passen«, erklärt Lordier in einer begleitend zur Publikation der Ergebnisse im Fachjournal »PNAS« herausgegebenen Pressemitteilung der Universität. Diese Stimuli sollten möglichst angenehm sein und es sollte mehrere Musikarten geben: Musik zum Aufwachen, Musik zum Einschlafen und Musik, die in Wachphasen des Kindes gespielt wird. Zusammen mit dem Komponisten Andreas Vollenweider suchten die Forscher zunächst nach passenden Instrumenten. Von allen Klängen, die Neugeborenen präsentiert wurden, lösten die der indischen Punji-Flöte, die auch Schlangenbeschwörer verwenden, die stärkste Reaktion bei den Babys aus. Die Stücke, die Vollenweider komponierte, waren deshalb mit dieser Flöte, Harfe und Glockenspiel besetzt.

In einer doppelblinden Studie spielten die Wissenschaftler diese Musik Frühchen vor. Als Kontrollgruppen dienten einerseits Frühchen, denen keine Musik vorgespielt wurde, und andererseits reif geborene Babys. Die Untersuchung mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (MRT) zeigte, dass die Babys in der Interventionsgruppe eine bessere Verknüpfung zwischen zwei Hirnarealen ausbildeten, die für die Verarbeitung von Hörinformationen wichtig ist, als Frühgeborene ohne Musikbeschallung. Die funktionale Konnektivität des Salience-Netzwerks ähnelte bei ihnen der von reif Geborenen, bei Frühchen in der Kontrollgruppe war sie jedoch deutlich schlechter. Das legt einen messbaren positiven Einfluss der Musik nahe.

Ob beziehungsweise wie sich das Ganze auf die kognitive Entwicklung der Kinder auswirkt, wollen die Forscher in weiteren Studien untersuchen. Die ersten Kinder in der Studie sind heute sechs Jahre alt.

Mehr von Avoxa