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Demenz
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Musik als Schlüssel zum Gedächtnis

Musik kann mehr als unterhalten: Sie aktiviert Gehirnregionen, die von Demenz lange verschont bleiben. Klänge können laut Studien Erinnerungen, Emotionen und sogar soziale Nähe zurückbringen. Konzerte und Musiktherapie eröffnen neue Wege im Umgang mit der Erkrankung.
AutorKontaktPZ
AutorKontaktdpa
Datum 24.03.2026  08:00 Uhr

Wenn die Streicher der Robert-Schumann-Philharmonie aufspielen, setzen sie auf bekannte Melodien: Mozarts »Kleine Nachtmusik« etwa oder Lieder wie »Alle Vögel sind schon da«. Anders als in einem herkömmlichen Konzert ist Mitsingen und Mitsummen bei den Liedern ausdrücklich erwünscht. Denn die Sonderkonzerte richten sich speziell an Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen. In lockerer Atmosphäre sollen sie dem Alltag entfliehen. 

Mit solchen Konzertformaten hat der Chemnitzer Generalmusikdirektor Benjamin Reiners Erfahrung aus seiner früheren Arbeit in Kiel. Dabei gab es für ihn oft Gänsehaut-Momente, wie er erzählt. Etwa als sich ein Paar im Konzert liebevoll an die Hand nahm. »Da war auf einmal wieder große Nähe und Verbundenheit zwischen ihnen zu spüren.«

Berührend seien die Konzerte sowohl für die Betroffenen und ihre Angehörigen als auch für die Musiker. »Es sind besondere Momente, zu sehen, was Musik auslösen kann, wie Erinnerungen und Persönlichkeit wiederkommen.« Dabei zeige sich eindrucksvoll die Kraft der Musik und wie unmittelbar sie Menschen erreiche.

Musikhören stimuliert bestimmte Hirnareale

In Deutschland leben laut Deutscher Alzheimer Gesellschaft mehr als 1,8 Millionen Menschen mit Demenz. Die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken, steigt mit zunehmendem Alter. Weil die Gesellschaft älter wird, nimmt auch der Anteil von Menschen mit Demenz zu. In Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt ist er den Angaben zufolge bundesweit am höchsten.

Die Ursache seien Abbauprozesse in verschiedenen Hirnarealen, erklärt Mirko Wegscheider, Oberarzt an der Klinik für Neurologie am Klinikum Chemnitz. Die Alzheimer-Krankheit als häufigste Form der Demenz betreffe in den frühen Stadien andere Bereiche des Gehirns als das »Musikgedächtnis«. Vor allem aktives Musizieren wie Singen und das Spielen eines Instruments, aber auch passives Musikhören stimulierten motorische, sprachliche und emotionale Areale im Gehirn. Dadurch ließen sich auch bei einer Demenz vereinzelt neue Verknüpfungen im Gehirn herstellen oder bestehende Netzwerkverbindungen verstärken, so der Experte.

Musiktherapie wirkt so gut wie Medikamente

»Die positiven Effekte von Musik sind gut nachweisbar«, ergänzt der Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Verhaltensmedizin und Psychosomatik, Thomas Barth. Das beobachte er regelmäßig bei seinen Patienten. »Die Verbesserungen durch Musiktherapie sind denen von Medikamenten ebenbürtig.« Denn bisher könne die Medizin die Erkrankung nicht stoppen, sondern nur ihre Symptome behandeln. Die Musik schaffe es, trotz des Gedächtnisverlustes durch Demenz Emotionen und Erinnerungen zu wecken, helfe Patientinnen und Patienten, ruhiger zu werden und besser zu schlafen. Das belegten auch Studien.

Ein Konzertbesuch könne darüber hinaus eine Abwechslung im oftmals durch Pflege belasteten Alltagstrott bringen. »Manche Patienten drängeln sich regelrecht danach«, erklärt Barth. »Selbst schwer Demenzerkrankte kommen da zur Ruhe, bekommen Stimulation und es kommt für den Moment wieder mehr Leben in sie.« Zudem könnten Betroffene auf diese Weise wieder etwas am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.

Für das Sonderkonzert in Chemnitz spielen die Musikerinnen und Musikern die Stücke nur in Ausschnitten und begrenzen das Konzert auf eine Stunde, um die Besucherinnen und Besucher nicht zu überfordern. Vor Beginn können sie sich schon mit dem Ort vertraut machen und mit Musikerinnen und Musiker ins Gespräch kommen. Die Sitzplätze seien locker angeordnet und es gebe jederzeit die Möglichkeit, den Raum zu verlassen.

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