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Apotheke 2.0

Modellprojekt will Offizinen stärken

Im Kreis Steinfurt in Westfalen-Lippe ist jetzt ein neues Modellprojekt gestartet: Die Initiatoren nutzen die bestehenden Apothekenstrukturen, um die Gesundheitsversorgung der Menschen vor Ort zu sichern und zu verbessern, teilt der Apothekerverband Westfalen-Lippe (AVWL) mit.
Christina Müller
12.06.2019
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Demografischer Wandel und Fachkräftemangel erschweren auch in Westfalen-Lippe die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Dort will die Politik jetzt gegensteuern: Das Modellprojekt Apotheke 2.0 nutzt nach Angaben des AVWL das bestehende Apothekennetzwerk in der Region, um die Versorgung der Menschen zu sichern und zu verbessern – und zwar mit Hilfe von digital unterstützten Dienstleistungen. So werden andere Akteure und Einrichtungen im Gesundheitssystem entlastet, hoffen die Initiatoren.

Apotheke 2.0 ist ein Gemeinschaftsprojekt des AVWL, der Universität Osnabrück sowie der Gesundheitsregion EUREGIO. Das Konzept steht unter der Schirmherrschaft von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) und wird vom Bundesministerium für Ernährung und ländliche Entwicklung gefördert. Das Projekt ist in der Modellregion Steinfurt gestartet. Von den Ideen, die in dem Modellprojekt erprobt und entwickelt werden, sollen künftig aber alle Patienten in Westfalen-Lippe profitieren.

»Damit Apotheke 2.0 wirken kann, müssen wir allerdings verhindern, dass das bestehende Apothekennetzwerk weiter ausdünnt«, warnt Klaus Michels, Vorstandsvorsitzender des AVWL. Im vergangenen Jahr sei die Zahl der Apotheken in Westfalen-Lippe auf den tiefsten Stand seit 40 Jahren gesunken. Künftig werde vor allem den Apotheken auf dem Land die Konkurrenz durch den Versandhandel zu schaffen machen, fürchtet Michels. »Der Versandhandel allerdings leistet keine Nacht- und Notdienste, keine intensive, vertraute Beratung wie die Vor-Ort-Apotheker«, betont er.

Auch der Gesetzgeber muss helfen

Damit auch die Patienten in ländlichen Regionen noch eine Anlaufstelle vor Ort finden, müsse der Gesetzgeber die Präsenzapotheken stärken, indem er die Gleichpreisigkeit bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln bewahrt. »So wie das Kulturgut Buch über die Preisbindung gestützt wird, muss auch die Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten und Beratung zu jeder Tages- und Nachtzeit bewahrt werden.«

Ein Beispiel für die Leistungen, die im Rahmen von Apotheke 2.0 erprobt werden, ist die elektronische Arzneimitteltherapie-Sicherheitsprüfung, die Apotheker wie Abed Daka aus Steinfurt nun einsetzen. Bekommt ein Patient ein neues Arzneimittel verschrieben, gleicht Daka das Medikament digital auf Wechselwirkungen mit anderen Arzneien ab, die der Patient bereits nimmt, und informiert den Arzt über mögliche Probleme. »Aus Studien wissen wir, dass sich durch konsequente Medikationschecks 58 Prozent der arzneimittelbezogenen Stürze verhindern lassen«, unterstreicht Daka. Und Olaf Elsner, Vorstandsmitglied des AVWL, ergänzt: »Das entlastet Ärzte, Kliniken und Pflegepersonal und spart dem Gesundheitssystem Folgekosten – vor allem aber den Patienten Unannehmlichkeiten und Leid.«

Digitalisierung Ja, Entmenschlichung Nein

In Zukunft sei es vorstellbar, dass die Apotheke vor Ort nicht mehr für jeden Patienten passend die Arzneimittel abgibt, sondern mit einem 3-D-Drucker individuell die richtige Tablette mit allen Wirkstoffen herstellt. So schildern Alina Behne und Christian Fitte von der Uni Osnabrück künftige Möglichkeiten der Digitalisierung, die sie am Fachbereich für Unternehmensrechnung und Wirtschaftsinformatik untersuchen.

Ferner biete die Digitalisierung – beispielsweise die digitale Gesundheitsakte – das Potenzial, die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Sektoren des Gesundheitswesens wie Apothekern, Ärzten und Pflegediensten sowie die Kommunikation mit den Patienten zu verbessern. Behne und Fitte erarbeiten in dem Projekt Handlungsempfehlungen für Apotheken. Dabei gelte der Grundsatz: Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern soll Prozesse zielgerichtet unterstützen und vereinfachen. »Unser Anspruch ist dabei, analoge und digitale Angebote sinnvoll und intelligent zu verknüpfen, sodass eine Entmenschlichung der Versorgung auf dem Lande verhindert wird«, erklärt Elsner. »Ein Mausklick ersetzt nicht den Händedruck.«

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