| Sven Siebenand |
| 15.07.2026 10:00 Uhr |
Platinbasierte Therapien können zu Ototoxizität und Hörverlust führen, der dauerhaft und irreversibel ist. / © Getty Images/miodrag ignjatovic
Cisplatin ist bekanntlich ein häufiges und wichtiges Zytostatikum. Es kann jedoch die Haarzellen des Innenohrs dauerhaft schädigen und so zu bleibendem Hörverlust führen. Besonders anfällig sind kleine Kinder, da sich das Innenohr bei ihnen noch in der Entwicklung befindet. Pedmarqsi soll das Risiko für Ototoxizität verringern.
Dass das funktioniert, zeigen zwei Studien mit Kindern im Alter von einem Monat bis 18 Jahren, die Cisplatin zur Behandlung solider Tumoren erhielten. An der ersten Studie nahmen 114 Kinder mit Hepatoblastom teil. 35 Prozent der Kinder in der Verumgruppe entwickelten einen Hörverlust, in der Placebogruppe waren es 67 Prozent. An der zweiten Studie nahmen 125 Kinder im Alter von einem Monat bis 18 Jahren mit verschiedenen Krebsarten teil, darunter Hepatoblastom, Neuroblastom und Tumoren des zentralen Nervensystems. In der Studie wurde festgestellt, dass 29 Prozent der Kinder, die Natriumthiosulfat nach jeder Cisplatin-Dosis erhielten, einen Hörverlust erlitten, verglichen mit 56 Prozent der Kinder, die nur Cisplatin erhielten.
Der genaue Wirkmechanismus von Natriumthiosulfat zur Vorbeugung eines Hörverlustes ist nicht vollständig geklärt. Laut Fachinformation kann der Mechanismus steigende Konzentrationen endogener Antioxidanzien, die Hemmung des intrazellulären oxidativen Stresses und direkte Wechselwirkungen zwischen Cisplatin und der Thiol-Gruppe in Natriumthiosulfat zur Bildung inaktiver Platinspezies umfassen. Durch diese Effekte kann das Innenohr vor Schäden durch die Chemotherapie geschützt werden, ohne die antitumorale Wirkung von Cisplatin wesentlich zu beeinträchtigen, sofern der empfohlene zeitliche Abstand von exakt sechs Stunden eingehalten wird.
Die Verabreichung von Natriumthiosulfat weniger als sechs Stunden nach Beendigung der Cisplatin-Infusion kann allerdings die tumorhemmende Wirkung von Cisplatin verringern. Wird mit Pedmarqsi mehr als sechs Stunden nach Beendigung der Cisplatin-Infusion gewartet, so zeigt das Mittel zur Vorbeugung von Ototoxizität möglicherweise keine Wirkung mehr.
Die Dosierung richtet sich nach dem Körpergewicht. Das Arzneimittel wird als 15-minütige intravenöse Infusion verabreicht – und zwar wie beschrieben immer exakt sechs Stunden nach Abschluss jeder Cisplatin-Infusion. Vor der Gabe wird eine antiemetische Behandlung empfohlen, da Übelkeit und Erbrechen häufig auftreten können.
Neben Erbrechen und Übelkeit sind auch Hypernatriämie, Hypophosphatämie und Hypokaliämie sehr häufig. Ein Warnhinweis zur Störung des Elektrolytgleichgewichts ist in der Fachinformation zu finden: Patienten im Alter von unter einem Monat haben eine weniger gut entwickelte Natriumhomöostase. Daher ist Natriumthiosulfat bei Neugeborenen kontraindiziert. Die Magnesium-, Kalium- und Phosphatspiegel im Serum sollten überwacht werden und bei Bedarf sollten Ergänzungen vorgenommen werden, da die Kombination aus Flüssigkeitsbeladung in Verbindung mit einer Chemotherapie auf Cisplatin-Basis und der Verabreichung von Natriumthiosulfat vorübergehende Elektrolytstörungen verursachen kann.