| Daniela Hüttemann |
| 21.04.2026 16:20 Uhr |
Bei der Magnetkonvulsionstherapie wird unter Narkose ein Anfall ausgelöst, und zwar durch wiederholte transkranielle Magnetstimulation mit hoher Energie und Frequenz. / © Getty Images/Science Photo Library/Kateryna Kon
Vielen Patienten mit schweren Depressionen kann mit Medikamenten und Psychotherapie nicht ausreichend geholfen werden. Eine alte und durchaus wirksame Methode ist dann die Elektrokonvulsionstherapie (Elektrokrampftherapie, EKT). Dabei wird unter Narkose über eine Elektrode an der Kopfhaut durch kurze Stromimpulse ein generalisierter Krampfanfall ausgelöst. Laut Leitlinie besteht eine Therapieserie aus acht bis zwölf Einzelbehandlungen, die meist zwei- bis dreimal pro Woche durchgeführt werden.
Die Rate der Patienten, die dadurch in Remission geht, liegt laut einem systematischen Review bei etwa 30 Prozent; einzelne Studien sprechen von 50 bis 60 Prozent. Wirksam ist die Methode also durchaus. Patienten und auch deren Angehörige haben jedoch häufig Vorbehalte gegen diese Therapieform, die ihren Ursprung in den 1930er-Jahren hat. Zudem kommt es sehr häufig zu kognitiven Störungen.
Forschende in den USA und Kanada haben nun eine neuere Therapiemethode – die magnetische Konvulsionstherapie (MST) – direkt mit der EKT verglichen. Genauer gesagt erhielt eine Gruppe eine MST, die andere Gruppe eine rechtsseitige ultrakurze Pulsbreiten-EKT (RUL-UB-ECT). Die Ergebnisse wurden jetzt im Fachjournal »The Lancet Psychiatry« veröffentlicht.
Bei der MST wird ebenfalls unter Narkose ein Anfall ausgelöst, und zwar durch wiederholte transkranielle Magnetstimulation mit hoher Energie und Frequenz. Die Stimulation erfolgt hier aber gezielter und mit einem schwächeren elektrischen Feld als bei der EKT, sodass die für das Gedächtnis nötigen Hirnareale weniger beeinträchtigt werden.
An der bislang größten Vergleichsstudie (randomisiert, doppelblind und multizentrisch) nahmen knapp 300 Patientinnen und Patienten mit therapieresistenter Depression teil. Die eine Hälfte wurde mit EKT, die andere mit MST behandelt, bis zur Remission, Therapieabbruch oder maximal 21 Sitzungen. Eine Remission erreichten 27,8 Prozent der EKT-Gruppe und 22,5 Prozent der MST-Gruppe. Laut zuvor definierter möglicher Abweichung von 15 Prozent war die MST der EKT damit nicht unterlegen.
Zu einer Verschlechterung des autobiografischen Gedächtnis kam es bei 17,3 Prozent unter EKT im Vergleich zu nur 2,7 Prozent unter MST – damit sprach das Sicherheitsprofil in Bezug auf die Kognition für die MST. Zudem beendeten mehr Patienten der EKT-Gruppe die Studie vorzeitig aufgrund anderer nicht schwerwiegender Nebenwirkungen (12 versus 3 Teilnehmende).
»Insgesamt spricht das gesamte Risiko-Nutzen-Profil der MST dafür, sie als Erstlinien-Konvulsionstherapie im Rahmen einer schweren depressiven Störung in Betracht zu ziehen, insbesondere bei Patienten, die eine RUL-UB-ECT ablehnen«, folgern die Studienautoren.
»Seit Jahrzehnten wissen wir, dass die Elektrokonvulsionstherapie eine der wirksamsten Behandlungsmethoden bei schweren Depressionen ist, doch ihre kognitiven Nebenwirkungen haben ihren Einsatz bisher eingeschränkt«, so Dr. Daniel Blumberger, Senior Scientist am Centre for Addiction and Mental Health in Toronto und Co-Leiter der Studie. »Unsere Ergebnisse zeigen, dass die magnetische Anfallstherapie ähnliche Vorteile bieten kann, dabei jedoch das Gedächtnis weitaus weniger beeinträchtigt, was diese Behandlungsform für viele Menschen, die sie benötigen, zu einer praktikableren Option machen könnte.«
Die Nationale Versorgungsleitlinie Unipolare Depression stuft die Magnetkonvulsionstherapie noch als experimentelles neurostimulatives Verfahren ein. Auch in den USA und Kanada ist das Verfahren noch nicht zugelassen.