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Studien laufen

Mit Colchicin gegen das Coronavirus

Bei Covid-19 und gegen SARS-CoV-2 werden mittlerweile etliche neue und alte Wirkstoffe getestet. In die zweite Kategorie gehört das vor allem als Gichtmedikament bekannte Colchicin. Mit Erstaunen muss man feststellen, dass unter www.clinicaltrials.gov schon zehn sogenannte Co-Co-Studien zu finden sind.
Sven Siebenand
12.05.2020  11:52 Uhr

Colchicin, das Alkaloid aus der Herbstzeitlosen (Colchicum autumnale), wirkt als Spindelgift und Mitosehemmer. Ihm wird eine antientzündliche Wirkung zugeschrieben. In »Clinical Therapeutics« heißt es, dass Colchicin mehrere pro- und antiinflammatorische Wege moduliert. Es störe die Aktivierung des Inflammasoms, die Mikrotubuli-basierte Aktivierung von Entzündungszellen, die Bildung von Leukotrienen und Zytokinen sowie die Phagozytose.

Die durch das Alkaloid ausgelösten intrazellulären Strukturveränderungen beeinflussen die Mobilität von Zellen, zum Beispiel der neutrophilen Granulozyten, in denen sich Colchicin besonders stark anreichert. Die Zellen wandern nicht mehr schnell in ein Entzündungsgebiet und es werden weniger proinflammatorische Zytokine produziert. Zugelassen ist Colchicin derzeit zur Behandlung beim familiären Mittelmeerfieber und bei Gicht. In letzterer Indikation hat es den höchsten Bekanntheitsgrad – noch.

Unter Umständen kann ein großes neues Anwendungsgebiet hinzukommen. Denn die antientzündliche Wirkung von Colchicin wollen sich Forscher nun auch bei der Behandlung von Covid-19 zunutze machen. Bei einer überschießenden Immunantwort, dem sogenannten Zytokinsturm, kann das neue Coronavirus SARS-CoV-2 dafür sorgen, dass zu viele proinflammatorische Botenstoffe vom Körper produziert werden, etwa Interleukin-6 (IL-6). Man erwartet sich auch an dieser Stellen einen Nutzen auf das Entzündungsgeschehen durch Colchicin.

Bereits Ende März hat das Montreal Heart Institute in Kanada die Erprobung des Alkaloids bei Covid-19-Patienten im Rahmen der Colcorona-Studie angekündigt. Insgesamt sollen 6000 Patienten aufgenommen werden. Randomisiert erhalten sie über einen Zeitraum von 30 Tagen entweder Colchicin- oder Placebo-Tabletten als Ergänzung zur Standardtherapie. An den ersten drei Tagen nehmen die Patienten der Verumgruppe zweimal täglich 0,5 mg ein, an den folgenden 27 Tagen einmal täglich 0,5 mg.

Eingeschlossen werden Patienten, die nicht hospitalisiert sind und bei denen seit der Diagnose der Erkrankung maximal 24 Stunden vergangen sind. Zudem muss bei ihnen mindestens ein Risikofaktor für einen schweren Covid-19-Verlauf vorliegen.  Als primären Endpunkt wollen sich die Wissenschaftler anschauen, wie häufig die Patienten in den beiden Gruppen aufgrund der Covid-19-Erkrankung später ins Krankenhaus müssen oder in einem 30-Tage-Zeitraum an Covid-19 versterben.

Enge therapeutische Breite bedenken

In mehreren anderen Studien testen Mediziner Colchicin auch bei hospitalisierten Patienten, etwa in der COL-Covid-Studie am Universitätsklinikum der spanischen Stadt Murcia. In dieser placebokontrollierten Studie erhalten die Patienten zusätzlich zur Standardtherapie für vier Wochen geringe Mengen an Colchicin. Neben dem Spiegel von IL-6 wollen die Wissenschaftler auswerten, wie sich der klinische Zustand in den beiden Studiengruppen entwickelt, um zu sehen, ob die Hinzunahme von Colchicin tatsächlich einen Benefit bietet. Von dieser Machart gibt es eine Reihe weiterer Studien weltweit, etwa die COLVId-19-Studie in Italien, die COMBATCOVID19-Studie in den USA oder die ECLA PHRI COLCOVID-Studie in Argentinien.

Noch muss man abwarten, welche Ergebnisse die Studien bringen. Und natürlich muss man sich auch das Sicherheitsprofil genau ansehen. Apotheker wissen, dass das Tropolon-Derivat Colchicin hochgiftig ist und eine geringe therapeutische Breite hat. Es kann schwere gastrointestinale Nebenwirkungen verursachen und zum Tod führen. Leider kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Vergiftungsfällen, wenn Patienten mehr Colchicin eingenommen haben als verordnet.

Die in den Covid-19-Studien eingesetzten Dosen sind keine Megadosen, dennoch sollte man bei den Covid-19-Patienten auch mögliche Wechselwirkungen mit anderen im Krankenhaus eingesetzten Medikamenten und unter Umständen eine eingeschränkte Funktion von Leber und Niere im Hinterkopf behalten. In dieser Hinsicht ist Colchicin nämlich nicht grundsätzlich unbedenklich.

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