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Ungewollte Kinderlosigkeit

Mehr Aufklärung nötig

Etwa jedes zehnte Paar ist in Deutschland ungewollt kinderlos. Doch nur wenige suchen ärztliche Hilfe zwecks  Abklärung. Dabei ließen sich viele der Bedenken gegen die reproduktive Medizin entkräften.
Kerstin A. Gräfe
15.11.2021  16:30 Uhr

»Weltweit wurden bisher mehr fünf Millionen Babys nach künstlicher Befruchtung geboren«, sagte Dr. Annette Bachmann vom Universitätsklinikum Frankfurt am Main vergangenen Samstag bei der Zentralen Fortbildung der Landesapothekerkammer Hessen.  In Europa werden pro Jahr über 900.000 In-vitro-Fertilisations-Zyklen durchgeführt und obwohl es hierzulande strenge gesetzliche Vorgaben gebe, sei Deutschland nach Russland und Spanien in Europa das Land mit den meisten Eingriffen.

Einer repräsentativen Umfrage aus dem Jahr 2020 zufolge sei jedes zehnte Paar in Deutschland ungewollt kinderlos. Erschreckend sei, dass von den befragten ungewollt Kinderlosen nur 25 Prozent der Frauen und 20 Prozent der Männer ärztliche Hilfe zur medizinischen Abklärung gesucht hätten. Als Begründung führten die Teilnehmer Zweifel und Bedenken gegenüber einer reproduktionsmedizinischen Behandlung an, zum Beispiel hinsichtlich der Kosten, der Risiken für die Frau durch die Stimulation der Eierstöcke oder der Risiken für eine Behinderung des Kindes. »Besonders traurig ist, dass 71 Prozent der Befragten angaben, zu wenige Informationen zu haben«, so die Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Es gebe also noch sehr viel Aufklärungsbedarf.

Bachmann stellte in ihrem Vortrag unter anderem zwei Methoden der künstlichen Befruchtung vor: die »normale« In-Vitro-Fertilisation (IVF) und die »erweiterte« In-Vitro-Fertilisation mit einer Mikroinjektion von Spermien in die Eizelle (ICSI = Intrazytoplasmatische Spermieninjektion). Erstere komme zum Beispiel bei einem Eileiterverschluss oder einer Endometriose in Betracht, die ICSI bei einer deutlichen Minderung der Samenqualität.

Wie hoch sind die Erfolgsraten auf eine Schwangerschaft? Bachmann verwies auf aktuelle prospektive Daten zur kumulativen Schwangerschaftsrate. Demnach ist nach einem Embryotransfer eine von drei Patientinnen schwanger, nach dem zweiten Transfer eine von zwei und nach dem dritten sechs von zehn. Nach mehr als vier Transfers sind sieben von zehn Patientinnen schwanger. »Ein ganz entscheidender Faktor ist das Alter der Frau«, betonte die Referentin. Ab einem Alter von 35 Jahren nehmen die Chancen auf eine Schwangerschaft deutlich ab.

Abschließend ging Bachmann angesichts der aktuellen Pandemielage auf die besondere Situation von Schwangeren ein: »Covid-19 führt bei Schwangeren zu schweren Komplikationen«. Erkrankte schwangere Frauen haben eine deutlich höhere Frühgeburtenrate sowie eine erhöhte Prävalenz von Präeklampsien und thromboembolischen Ereignissen. Ebenfalls sei die Rate der Neugeborenen von Müttern mit Covid-19, die auf einer neonatologischen Intensivstation betreut werden müssen, deutlich erhöht. »Das Erschreckendste ist aber, dass bei zwar altersentsprechend niedriger Gesamtmortalität die Sterblichkeit von Schwangeren mit Covid-19 um den Faktor 26 erhöht ist«, so die Referentin. Daher lautet ihr Appell: »Frauen mit Kinderwunsch sollten sich gegen Covid-19 impfen lassen.«

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