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Psychologie

Männer in der Krise?

Frauen leisten immer noch mehr Familienarbeit als Männer, werden im Job schlechter bezahlt und schaffen es seltener in Führungspositionen. Doch auch Männer haben es nicht leicht, sagt der Arzt und Psychotherapeut Dr. Victor Chu im Gespräch mit der PZ.
Ulrike Abel-Wanek
31.07.2020  17:00 Uhr

PZ: Sie haben elf Bücher geschrieben, in den beiden neuesten »Vaterliebe« und »Die Mutter im Leben eines Mannes« geht es um die Probleme, die Männer mit sich und ihrem Leben haben. In welcher Krise steckt das männliche Geschlecht?

Chu: Ich sehe in den letzten Jahrzehnten eine Krise der Männer, die sich zum Beispiel daran zeigt, dass viele Ehen auseinandergehen, dass es immer mehr Alleinerziehende, vor allem alleinerziehende Mütter gibt, und dass die Männer sich so aus den Familien entfernen. Es gibt natürlich auch die andere Tendenz der sogenannten neuen Väter, die sich in der Familie vermehrt engagieren. Aber grundsätzlich bewegen wir uns in der westlichen Welt in Richtung einer vaterlosen beziehungsweise vaterarmen Gesellschaft. Heute ist das Fehlen des leiblichen Vaters für viele Kinder mit einer alleinerziehenden Mutter oder in Patchworkfamilien schon Normalität. Besonders Jungen brauchen aber positive Väter- und Männervorbilder, um sich gesund zu entwickeln und beziehungsfähig zu werden.

PZ: Welche Ursachen sind für das  Verschwinden der Männer verantwortlich? Mit welchen Folgen?

Chu: Eine zentrale Rolle spielt der Niedergang der patriarchalischen Ordnung seit den Weltkriegen. Die 68er-Studentenbewegung, die sexuelle Revolution, die Liberalisierung des Abtreibungsparagrafen und die Frauenemanzipations-Bewegung ließen die gesellschaftliche Bedeutung der Männer immer mehr verschwinden. Die Gleichberechtigung von Männern und Frauen ist in den letzten Jahrzehnten mit Riesenschritten vorangegangen. Wir haben hier einiges erreicht, wenn auch noch viel zu tun ist. Im Selbstbewusstsein junger Frauen hat sich etwas verändert. Sie wollen unabhängig vom Mann ihre eigenen Wege gehen und finanziell auf eigenen Füßen stehen.

In den letzten Jahrzehnten können wir beobachten, wie Jungen und junge Männer hinter ihren Zeitgenossinnen zurückfallen: in Familie und Schule, auf der Universität und in der Arbeitswelt. Eltern beklagen sich, dass ihre Söhne die Schule schwänzen, stundenlang vor dem PC oder am Handy hocken, dass sie beträchtliche Mengen Alkohol und Cannabis konsumieren und nach der Schulzeit nicht wissen, was sie mit ihrem Leben machen sollen und stattdessen zu Hause im »Hotel Mama« ihre Zeit totschlagen.

Männer werden heute von vielen Seiten kritisiert und hinterfragt. Sie wissen nur, wie sie nicht zu sein haben.  Kritik von außen, speziell von weiblicher Seite, kann bei Männern dazu führen, Schuldgefühle zu entwickeln, aber keine Einsicht. Sie verkriechen sich dann eher in ein schuldbewusstes Schweigen und ziehen sich aus dem Familienleben zurück. Schuldgefühle können aggressive Gegenreaktionen auslösen, die auch in Gewaltausbrüchen, fundamentalistischen Einstellungen, Fremden- und Frauenhass münden. Ein wesentliches Hindernis für ein positives männliches Identitätsgefühl ist zudem die Scham. Wenn junge Männer sich heute schämen, einem Geschlecht anzugehören, das von vielen Seiten kritisiert wird, verabschieden sie sich aus der aktiven Beteiligung an der Gesellschaft.

Aber es gibt auch patriarchalische Relikte, die immer noch in der westlichen Welt zu finden sind: Gewalt gegen Frauen und Kinder, besonders sexualisierte Gewalt, geht in den meisten Fällen von Männern aus, was die Me-too-Bewegung, der Missbrauch von Kindern auch in Institutionen oder die massive Verbreitung von Pornografie zeigen. Hier ist besonders selbstkritische Reflexion von uns Männern notwendig, um das Übel an der Wurzel zu packen.

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