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Palliativversorgung

Letzte Hilfe Offizin

Patienten honorieren Empathie und Engagement. Davon ist Apotheker Helmut Beckmann aus Frankfurt am Main überzeugt. Er hat daher das »Palliativ Team Frankfurt« gegründet. Für seinen Einsatz, der weit über die Aufgaben eines Apothekers hinausgeht, wurde er in diesem Jahr mit dem Apotheken-Award des Deutschen Apothekerverbands (DAV) ausgezeichnet.
Caroline Wendt
30.08.2019
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Einen Bäcker, Metzger oder das kleine Café an der Ecke sucht man in einigen Straßen von Frankfurt am Main vergebens. Oft fehlt im Trubel der Stadt der Raum für Begegnung, wenn die Autos über den Asphalt rollen und der Lärm jegliche Stimmen verschluckt. Ein junger Vater mit Kinderwagen und eine ältere Dame bewegen sich an diesem Tag beide auf dasselbe Ziel zu: die Süd-Apotheke von Helmut Beckmann in der Stresemannallee 11. Hinter der Glastür ist es plötzlich ruhig, ein kleiner HV-Bereich öffnet sich, die Atmosphäre ist entspannt, die Begrüßung persönlich.

Bis hierhin gleicht die Apotheke vielen anderen Offizinen in der Stadt. Doch Beckmann hat sich in einem Bereich hervorgetan, der kaum etwas mit den klassischen Aufgaben eines Apothekers zu tun hat, und das ziemlich erfolgreich: Kürzlich bekam er den ersten Preis in der Kategorie »Apotheke und Patient« des Deutschen Apotheken-Awards des DAV. Der Pharmazeut überzeugte die Jury mit der Palliativversorgung des »Palliativ Teams Frankfurt« und des »Kinder Palliativ Teams Südhessen« sowie mit dem »Würdezentrum« in Frankfurt.

Beckmann lag schon immer am Herzen, seine Patienten bis zum Ende begleiten zu können. »Das ganze Leben lang betreuen wir Apotheker unsere Kunden und stehen ihnen bei schweren Krankheiten zur Seite«, erzählt er im Gespräch mit der PZ. Aber am Ende bleibe vielen Patienten nur noch die Palliativstation des Krankenhauses oder ein Hospiz. Das Sterben zu Hause sei lange Zeit für viele Schwerstkranke nicht möglich gewesen. Als der Gesetzgeber 2007 eine Spezialisierte Ambulante Palliativeversorgung (SAPV) ermöglichte, stand für Beckmann fest: »Diese Lücke schließen wir.«

Zusammen mit zwei Ärzten gründete der Apotheker 2010 das Palliativ Team Frankfurt, ohne zu wissen, ob die Palliativversorgung sich finanziell überhaupt rechnen würde. Verträge mit den Kassen gab es zu dieser Zeit noch nicht – Patienten, die den Dienst in Anspruch nahmen, hingegen schon. »Zwei Jahre lang haben wir die Palliativversorgung allein über Spenden finanziert«, so Beckmann. Erst nach und nach kamen die ersten Versorgungsverträge mit verschiedenen gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen und seiner gemeinnützigen GmbH zustande. »Als das alles geschafft war, war mir klar: Das haben wir richtig gemacht«, erinnert sich Beckmann.

Palliative Versorgung auch für Kinder

Auch danach ging es für den Pionier in Sachen Palliativversorgung weiter. 2012 gründete die Geschäftsführung des Palliativ Teams Frankfurt das Kinder Palliativ Team Südhessen. Helmut Beckmann begleitete diesen Prozess in seiner Rolle als Gesellschafter. Diese Palliativversorgung ist bis heute nur eine von dreien in Hessen, die sich um die Belange von sterbenden Kindern kümmern. Beckmann berichtet: »Die Verträge, die wir mit den hessischen Krankenkassen ausgehandelt haben, nutzen die anderen Bundesländer als Grundlage für spätere Versorgungsverträge.«

Doch nicht nur in dieser Hinsicht will Beckmann gern ein Vorbild sein. »Durch die Nähe zum Patienten und durch Empathie können wir wesentlich mehr leisten als eine Versandapotheke«, betont der Preisträger. Natürlich könne nicht jede Apotheke zusätzlich eine Palliativversorgung aufbauen. Es gelte, für jeden Standort das richtige Konzept und die richtige Nische zu finden. Ob Ernährungsberatung, Fortbildungen für Patienten oder eine Heimversorgung: Möglichkeiten gebe es viele. Dieses Ad-on sei wichtig, um die eigene Apotheke zukunftssicher zu machen. »Wer das nicht macht, wird von der digitalen und der politischen Entwicklung gnadenlos überrollt«, ist Beckmann sicher. Empathie und Engagement werde auch in Zukunft honoriert. »Wenn man die Wahl hat, wird man doch zu der Apotheke gehen, bei der man sich gut sozial betreut fühlt, und kommt gerne wieder.« Der Kontakt von Mensch zu Mensch sei gerade im Gesundheitssektor enorm wichtig.

Die Gründung der palliativen Versorgungsdienste habe die Arbeit in der Apotheke nicht grundlegend verändert. Die Versorgung der etwa 800 Patienten pro Jahr erfolge durch die jeweilige Apotheke des Patienten. »Natürlich helfen wir schon einmal mit einem speziellen Nasenspray aus, doch Pflege und Arzneimittelversorgung werden lokal geregelt«, betont Beckmann. Lediglich die Überwachung der Betäubungsmittel-Bestände des palliativen Versorgungsdienstes fällt in den Aufgabenbereich der Süd-Apotheke.

Letzte-Hilfe-Kurse

2016 wurde dann ein weiteres Projekt ins Leben gerufen: das Würdezentrum in Frankfurt. Angehörige, Freunde oder anderweitig Interessierte können hier an sogenannten Letzte-Hilfe-Kursen teilnehmen. Sie bekommen Rat, wie sie mit Menschen in der letzten Phase des Lebens umgehen und wie sie Berührungsängste gegenüber diesen Patienten abbauen können. Aber auch bei praktischen Fragen, zum Beispiel beim Erstellen von Patientenverfügungen oder Vorsorgevollmachten, biete der Kurs Unterstützung, so Beckmann. Ab Herbst seien Letzte-Hilfe-Kurse speziell für Kinder und Jugendliche geplant. Pflegekräfte könnten zudem Weiterbildungen zur Palliativversorgung absolvieren.

Beckmann zufolge ist das gesamte Angebot des Würdezentrums abgesehen von wenigen Einnahmen spendenfinanziert. Und auch die palliativen Versorgungsdienste seien nach wie vor auf Spenden angewiesen: »Die Tagessätze der Krankenkassen reichen aus, um die Pflege zu gewährleisten. Alles, was darüber hinausgeht, bedarf jedoch zusätzlicher Mittel.« Das gelte etwa für die Finanzierung einer Psychologin, die im Kinder Palliativ Team die erkrankten Kinder, Eltern und Geschwister betreut.

Bisher leistete der Apotheker sein Engagement neben seinen Aufgaben als Leiter der Süd-Apotheke. Am 1. August 2019 gab er diese – nach 37 Berufsjahren als Apothekenleiter – ab. »Die Verleihung des Apotheken-Awards war somit Höhe- und Schlusspunkt meiner Apothekenlaufbahn«, erklärt er. Nun habe er noch mehr Zeit, sich um die Belange seiner Palliativprojekte zu kümmern. 

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