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Live-in-Hilfen
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Leben teilen – Gefühle trennen

Menschen, die zeitweise im Haushalt einer anderen Person leben und diese betreuen und pflegen, gehören längst zur Realität in Deutschland. Diese sogenannten Live-in-Arrangements bergen jedoch jede Menge Konfliktstoff.
AutorKontaktBrigitte M. Gensthaler
Datum 30.04.2026  07:00 Uhr

»Immer mehr Pflegebedürftige und ihre Angehörigen stoßen bei der Suche nach häuslicher Pflege auf Live-in-Kräfte«, berichtete Dr. Milena von Kutzleben vom Department für Versorgungsforschung, Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg, bei einem Online-Seminar des Digitalen Demenzregisters Bayern (digiDEM Bayern). Die frühere Bezeichnung »24-Stunden-Betreuung« sei irreführend, denn niemand könne rund um die Uhr pflegen.

Wie der Begriff des Live-in-Arrangements besagt, wohnen und leben die Arbeitskräfte im privaten Haushalt der hilfsbedürftigen Person und übernehmen Betreuung und teilweise auch Pflege. In Deutschland leben schätzungsweise bis zu 500.000 Live-in-Kräfte in sogenannter Pendelmigration; Schwarzarbeit dürfte weit verbreitet sein.

Druck der Dreiecksbeziehung

Die Beteiligten seien stark aufeinander angewiesen und miteinander in einer Dreiecksbeziehung verwoben, berichtete die Forscherin. Für die Kranken geht es um Wohlbefinden und Autonomie, für die Familie um gesicherte Versorgung. Die Hilfen wiederum sollen Dienstleistungen erbringen, als Pflegekraft mit gewissen fachlichen Standards tätig sein, Tugenden wie Fürsorglichkeit und Empathie mitbringen sowie selbst- und grenzenlos Versorgungsverantwortung wie ein Familienmitglied übernehmen: eine ambivalente Situation für die meist osteuropäischen Frauen.

»Es sind extrem komplexe und zum Teil widersprüchliche Erwartungen, die die Hilfen unter großen Druck setzen«, skizzierte von Kutzleben anhand eines Fallbeispiels. Ein Forschungsprojekt begleitete den über-80-jährige »Klaus« über Jahre, bis er in eine Demenz-WG umzog.

Soziale Fassade erhalten

Die Live-in-Kräfte halfen dem verwitweten Mann, seine soziale Rolle weitgehend aufrechtzuerhalten, gingen mit ihm spazieren, gestalteten Freizeit und bewahrten die vertraute Ordnung zuhause. »Die Frauen waren präsent durch ihre Verfügbarkeit, nicht als Person.« Sie seien bekannt bei Familie und Freunden, aber kein Familienmitglied. Von Kutzleben sprach von einer »kontrollierten Nähe«.

Zwar sicherte die Live-in-Hilfe als Quasi-Ehefrau die soziale Fassade und die Häuslichkeit von Klaus, aber auf privater Ebene war große Nähe unerwünscht. Die Familie habe vielmehr auf das Arbeitsverhältnis und die finanzielle Abhängigkeit hingewiesen. Auch die planmäßige Rotation der Hilfen verhindere eine engere emotionale Beziehung.

Eine weitere Bürde ist die »Unsichtbarkeit der Betreuungskraft«: Obwohl sie ständig präsent ist und Aufgaben erfüllen muss, erscheine sie selten als Person und habe keine klare Kontur als Individuum, berichtete von Kutzleben.

Häufig Dauerkrise zuhause

»Etwa jeder zwölfte Versorgungshaushalt beschäftigt eine Live-in-Hilfe. Bei circa einem Drittel der Betreuten liegt vermutlich eine Demenz vor.« Die Public-Health-Expertin, die zu diesem Thema forscht, sprach von einer »kompletten Blackbox«. Es gebe keine genauen Zahlen und keine demenzspezifischen Studien.

Die Live-in-Versorgung einer demenzkranken Person erscheine vielen Angehörigen als alternativlos – auch weil die Dauerbetreuung zu Hause billiger als ein Pflegeheim sei. Allerdings seien diese Arrangements, bedingt durch den häufigen Wechsel der Betreuungspersonen, für Familie und Kranke oft sehr schwierig, berichtete von Kutzleben. Die Angehörigen trügen hohe moralische Verantwortung und seien ständig in Sorge, ob überhaupt eine Hilfe kommt, wer es ist und ob die Versorgung der kranken Person klappt. In vielen Haushalten herrsche eine Dauerkrise.

So gelingt das Modell

Wie kann die Live-in-Versorgung ein gutes Modell für alle Beteiligten sein? Es gelten, die Verletzlichkeit der zu pflegenden Person zu berücksichtigen und die Familie zu unterstützen und zu stärken, so die Expertin. Die Live-in-Hilfen bräuchten sichere Arbeitsbedingungen mit klarem Tätigkeitsprofil in gemischten Versorgungs-Arrangements.

In der Regel müssten Sprachkurse zu ihrer Ausbildung gehören – auch wenn die Kommunikation manchmal sehr gut mit Übersetzungssprachmodellen klappt. Und schließlich sollten unabhängige Mittlerstellen eine qualitätsgesicherte Begleitung und Coaching sicherstellen, forderte die Referentin. 

Mit der häuslichen Versorgung von Menschen mit Demenz durch osteuropäische Live-in-Hilfen befasst sich seit 2023 auch das Projekt »TriaDe«, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird und an dem von Kutzleben als eine Projektleiterin mitarbeitet. Das 35-köpfige Wissenschaftsteam aus den Disziplinen Kommunikationswissenschaft, Pflegewissenschaft und Ethikwissenschaft hat sein Ergebnispapier samt Empfehlungen gerade an das Bundesministerium für Gesundheit übermittelt.

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