| Jennifer Evans |
| 22.07.2026 09:00 Uhr |
Manche Menschen können charakteristische Merkmale der Umgebung nicht zusammensetzen. Sie verlaufen sich oft – einige mehrmals täglich. / © Shutterstock/Prostock-Studio
Im Alltag folgen wir in der Regel ohne viel Nachdenken einer inneren Karte, die uns Wege, Abkürzungen oder vertraute Ecken anzeigt. Wir erschließen uns unsere Umgebung, indem wir eine mentale Vorstellung von Orientierungspunkten und deren Lage sowohl in Bezug auf uns selbst als auch der Marker zueinander aufbauen. Das ermöglicht es beispielsweise, sich in fremden Straßen zurechtzufinden oder mit dem Finger grob in Richtung Heimat zu zeigen.
Doch einige Menschen besitzen diese Fähigkeit nicht, sich eine sogenannte kognitive Karte zu erstellen. Sie erkennen zwar Häuser, Plätze oder Schilder – aber diese Orientierungspunkte fügen sich in ihrem Kopf nicht zu einem Gesamtbild zusammen. Die Orte bleiben lose Punkte ohne Verbindung. Ein Team von Forscherinnen der niederländischen Universität Leiden bezeichnet das als Atopia, einen Subtyp der Developmental Topographical Disorientation (DTD). Während man in der Medizin mit dem Begriff eine angeborene Empfindlichkeit des Immunsystems bezeichnet, orientiert sich die Philosophie an der griechischen Wortbedeutung, die so viel wie Ortlosigkeit oder Unverortbarkeit meint.
Menschen mit Atopia bewegen sich oft nur entlang bekannter Routen. Sobald eine Straße gesperrt ist oder sie sich ausnahmsweise aus ungewohnter Richtung einer Straße oder einem Gebäude nähern, versagt ihre Orientierung. Die Wissenschaftlerinnen berichten aus ihren Untersuchungen, dass Betroffene das Gefühl so beschreiben: »Ich bin in meinem Kopf immer an einem Ort, daher kann ich mir nicht vorstellen, wie meine Umgebung aussieht.«
Betroffene verfügten zwar über ein gutes Orientierungsgedächtnis. Waypoints helfen ihnen beim Erkennen, aber nicht beim Einordnen, schreiben die Neuropsychologinnen auf der Wissenschaftsplattform »The Conversation«. Die Informationen existierten für Betroffene lediglich wie unverbundene Fakten.
Diese Unsicherheit im Alltag führt oft dazu, dass die Menschen nur selten aus dem Haus gehen oder sich komplett auf GPS verlassen. Außenstehende interpretierten dieses Verhalten fälschlicherweise oft als Angst, Nachlässigkeit oder geringe Intelligenz, schreiben sie.
Ohne Unterstützung liefen sie Gefahr, ihre Selbstständigkeit zu verlieren. Kein Wunder: Jeder, der sich schon einmal richtig verlaufen hat, weiß, wie es sich anfühlt, wenn die Panik hochkommt. Nur bei einigen Menschen mit Atopia verschwindet sie nicht im Laufe des Lebens. In Extremfällen verlaufen sie sich mehrmals pro Woche.
Das Gute: DTD wird nicht durch eine Hirnverletzung, eine neurologische Erkrankung oder eine psychiatrische Störung verursacht. Das Orientierungssystem im Gehirn funktioniert einfach nur anders. Und die Forschung zeigt auch, dass sich räumliche Orientierungsfähigkeit wie ein Muskel trainieren lässt.
Die Autorinnen haben nach eigenen Angaben ein sechswöchiges virtuelles Programm entwickelt. Es zielt darauf ab, Orientierungsprobleme bei Atopia zu verringern und Orientierungsfertigkeiten zu verbessern. Diese Fähigkeit, uns selbst in der Welt zu verorten, sei wertvoll – und jeder sollte sie pflegen, bevor wir sie durch Smartphones und Co. verlernten, schreiben die Wissenschaftlerinnen.