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Wurst-Skandal

Lagerraum mit Gammelfleisch bei Wilke Wurst

Der wegen Listerien geschlossene Wursthersteller Wilke wehrt sich vor Gericht gegen Behördenanordnungen und scheitert mit seinem Eilantrag. Dabei werden erstmals Details bekannt, was die Prüfer bei ihren Kontrollen vorfanden. Foodwatch verlangt weiterhin die Offenlegung der vollständigen Händlerliste, um Verbraucher zu schützen.
dpa
PZ
15.10.2019
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Der hessische Wursthersteller Wilke bleibt nach Keimfunden im Fleisch weiter geschlossen. Das Verwaltungsgericht Kassel habe einen entsprechenden Eilantrag des Unternehmens gegen die Schließung abgelehnt, sagte ein Gerichtssprecher am Montag. Damit hatte sich das Unternehmen gegen die Entscheidung der Lebensmittelüberwachung des Landkreises Waldeck-Frankenberg gewehrt, die Produktion nach dem Fund von Listerien zu stoppen. Wilke könnte nun noch in der Sache Beschwerde vor den hessischen Verwaltungsgerichtshof einlegen. (Aktenzeichen 5 L 2504/19.KS)

In Wilke-Wurst waren wiederholt Listerien gefunden worden. Drei Todesfälle durch Listeriose werden mit Waren des Unternehmens in Twistetal-Berndorf in Verbindung gebracht. Wilke hat mittlerweile vorläufige Insolvenz angemeldet. Die 200 Mitarbeiter wissen nicht, wie es weitergeht. Der Insolvenzverwalter äußert sich nicht öffentlich zur Zukunft des Unternehmens und die Staatsanwaltschaft Kassel ermittelt wegen fahrlässiger Tötung.

Gammelfleisch im Lagerraum

Nach Angaben der Richter hat der Landkreis fehlerfrei Verstöße des Unternehmens gegen das Lebensmittelrecht festgestellt. Dabei hob das Verwaltungsgericht besonders eine Feststellung der Prüfer hervor: Diese hätten von einem Lagerraum berichtet, in dem zum Verzehr untaugliches Fleisch lag, das entsorgt werden sollte. «Der Raum war gefüllt mit völlig vergammelter Ware, Schimmel, Fäulnis, Gestank. Am Boden war eine stinkende Flüssigkeit», zitierten die Richter. Durch diese Flüssigkeit fahrend sei mit einem Gefährt Ware nach draußen gebracht worden. Anschließend sei man erneut durch die stinkende Flüssigkeit in Räume gefahren, die als rein galten. Diese beschriebenen Mängel machten es nachvollziehbar, dass der Betrieb ideale Bedingungen für eine «Ansiedlung, Vermehrung und Verbreitung von Listerien» biete, erklärt das Verwaltungsgericht. Das Gericht habe keinen Zweifel daran, dass Produktionsstopp und Rückruf bei dem Unternehmen alternativlos seien, «um erhebliche und schwerwiegende Gefahren für Leib und Leben einer Vielzahl von Menschen soweit wie möglich zu minimieren.» Ob es im Rechtsstreit über die Firmenschließung ein Hauptsacheverfahren gibt, ist unklar.

Laut Verwaltungsgericht wäre dieses nötig, falls Wilke Schadenersatzansprüche gegen den Landkreis wegen der Schließung anstreben sollte. Nach Einschätzung der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) ist eine Wiederaufnahme des Betriebs unwahrscheinlich. «Ich sehe da schwarz», sagte Gewerkschaftsgeschäftsführer Andreas Kampmann: Die einzige Hoffnung für die Mitarbeiter sei weiterhin nur, dass sich ein Investor finde, der für die Firma eine neue Verwendung habe.

Foodwatch verlangt Offenlegung der Händlerliste

Die Verbraucherorganisation Foodwatch hält es für wahrscheinlich, dass noch verunreinigte Wurstwaren im Umlauf sind und fordert deshalb eine Offenlegung der Händlerliste . «Es ist dringend erforderlich, dass die Händlerliste und alle bekannten Verkaufswege auf den Tisch kommen», sagte Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker den Zeitungen der Funke Mediengruppe. «Nur so können die Verbraucher erfahren, welche Wursttheken, Krankenhäuser, Kantinen und Restaurants die zurückgerufenen Wilke-Produkte abgegeben haben - und damit auch prüfen, ob sie solche Lebensmittel bereits verzehrt haben.» Das hessische Unternehmen soll mit Listerien belastete Wurst vertrieben haben, die mit dem Tod von drei Menschen in Verbindung gebracht wird. Foodwatch wirft den Behörden schwere Fehler in der Informationspolitik vor: «Die hessischen Behörden haben grandios versagt», sagte Rücker. Die Behörden hätten erst falsch informiert, dann gemauert und schließlich nur einen Teil der vorliegenden Informationen herausgegeben. Um ähnliche Fälle zu verhindern, müsse die Lebensmittelüberwachung mehr Personal bekommen, fordert Foodwatch. Außerdem sollten die Länder statt der Kommunen für Aufsicht und Kontrollen der Betriebe zuständig sein.

Verbraucher erkennen betroffene Packungen an dem ovalen Identitätskennzeichen »DE EV 203 EG«. Eine komplette Liste mit allen verunreinigten Produkten ist auf der Webseite www.lebensmittelwarnung.de zu finden. Die Wurst kann im Einzelhandel zurückgegeben werden. Das verunreinigte Fleisch wurde auch an Wursttheken verkauft, hier sind die betroffenen Produkte nicht so leicht zu erkennen. Das Land Hessen empfiehlt Kunden, bei Zweifeln gezielt nachzufragen. Weitere Informationen für Verbraucher können sie hier nachlesen und sieben Fakten über Listerien finden sie hier.

Politik fordert bundeseinheitliche Lieferlisten

Das Problem scheint nun auch in der Politik angekommen zu sein. So fordert Niedersachsens Agrarministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) die Einführung bundeseinheitlicher Lieferlisten. Demnach erleichterten bundeseinheitliche Listen die bundesweite Zusammenarbeit bei einem Rückruf in großem Umfang mit vielen Beteiligten. Die Ministerin regte an, dass sich die Bundesländer gemeinsam mit der Lebensmittelindustrie auf einheitliche Vorgaben für das Erstellen der Lieferlisten einigen.

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