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Wachsende Morbiditätslücke
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Länger leben, länger krank

Weltweit steigt die Lebenserwartung der Menschen. Dieser Anstieg verläuft allerdings nicht parallel mit zusätzlichen Jahren guter Gesundheit, so die zentrale Botschaft einer umfassenden Analyse aus der Global-Burden-of-Disease-Studie 2023 (GBD 2023), die ein internationales Konsortium jetzt publizierte.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 23.07.2026  11:00 Uhr

Zuerst die gute Nachricht: Die Überlebenschancen von Menschen verbessern sich weltweit immer mehr. Dadurch verlagert sich die zentrale Herausforderung im Bereich der öffentlichen Gesundheit zunehmend dahin, die gesunde Lebensspanne zu verbessern, was – so die schlechte Nachricht – offensichtlich weniger gut gelingt. Dies geht aus einer Veröffentlichung eines Teams um Professor Dr. Simon I. Hay vom Institute for Health Metrics and Evaluation an der University of Washington in Seattle, USA, im Fachjournal »The Lancet Public Health« hervor.

So zeigen die Forschenden, dass zwischen 1990 und 2023 die globale Lebenserwartung bei Geburt von 64,6 auf 73,8 Jahre stieg. Allerdings stieg die gesunde Lebenserwartung (HALE) nur von 55,9 auf 63,1 Jahre. Die Differenz, die sich daraus ergibt, bezeichnen die Autoren als Morbiditätslücke. Sie wuchs damit von 8,8 auf 10,7 Jahre, ein Zuwachs von 1,9 Jahren oder rund 22 Prozent.

Statt einer Kompression zeigt sich also eine Expansion der Morbidität, und zwar nahezu weltweit flächendeckend. Denn in 203 der 204 untersuchten Länder nahm die Lücke zu. Die einzige Ausnahme blieb Palästina.

Demnach verbrachten die Menschen im Jahr 2023 im globalen Mittel 14,5 Prozent ihres Lebens in schlechter Gesundheit, gegenüber 13,6 Prozent im Jahr 1990. Die Covid-19-Pandemie unterbrach den Trend nur vorübergehend, indem sie 2021 sowohl Lebenserwartung als auch HALE einbrechen ließ.

Unterschiedliche Verteilung der Last

Bemerkenswert ist die Verteilung der Last. Die absolute Morbiditätslücke war 2023 nicht in den ärmsten, sondern in den wohlhabendsten Ländern am größten. Im höchsten Quintil des soziodemografischen Index (SDI) lag die Morbiditätslücke bei 11,7 Jahren, im niedrigsten bei 9,4 Jahren.

Auf nationaler Ebene führten die USA (14,0 Jahre), Australien (13,9) und Kanada (13,7) die Rangliste an, während Nauru, die Salomonen und Laos die kleinsten Lücken aufwiesen. Dieses Muster spiegelt vor allem längere Lebensspannen wider, nicht gesünderes Altern. Zugleich bestätigt die Analyse das »Gender-Health-Paradox«, wonach Frauen zwar länger leben, jedoch in allen Entwicklungsstufen mehr Jahre in schlechter Gesundheit verbringen als Männer (2023: 12,1 gegenüber 9,3 Jahren).

Ein exemplarischer Vergleich dreier Hocheinkommensländer zeigt, wie unterschiedlich sich diese Dynamik entfaltet. Die USA weisen 2023 mit 14,0 Jahren die größte Morbiditätslücke aller 204 untersuchten Länder auf (Rang 1) und hatten mit 11,9 Jahren auch im Jahr 1990 den höchsten Ausgangswert. Rund 17,8 Prozent des US-amerikanischen Lebens entfallen damit auf schlechte Gesundheit. Deutschland liegt 2023 mit 11,9 Jahren (Rang 34) im oberen Mittelfeld. Ausgehend von 10,1 Jahren im Jahr 1990 entspricht das einem eher moderaten Zuwachs von 1,8 Jahren oder 18,1 Prozent. Schweden schließlich verdeutlicht, dass ein günstiger Startwert keine Garantie für eine gute Entwicklung ist. 1990 wies das Land mit 9,7 Jahren die kleinste der drei Lücken auf, verzeichnete seither aber mit plus 2,8 Jahren (plus 28,5 Prozent) den stärksten Anstieg und hat Deutschland damit inzwischen überholt. Denn 2023 lag die schwedische Morbiditätslücke bei 12,4 Jahren (Rang 18).

Dieser Dreiervergleich unterstreicht das übergeordnete Muster: Gerade langlebige, wohlhabende Gesellschaften häufen die meisten in Krankheit verbrachten Jahre an. Gleichzeitig verdeutlicht der Vergleich aber auch, dass das Tempo der Ausweitung und nicht allein das erreichte Niveau zwischen strukturell ähnlichen Ländern erheblich variiert.

Unterschiedliche Ursachen je nach Setting

Erhellend ist die Betrachtung der verschiedenen Ursachen. Ein kleiner Kern überwiegend nicht tödlicher, chronischer Leiden trägt den Großteil der Lücke, darunter muskuloskelettale Erkrankungen, allen voran Rückenschmerzen mit 1,8 Jahren, psychische Störungen, vor allem Depression und Angst, mit 1,6 Jahren, Erkrankungen der Sinnesorgane, besonders der altersbedingte Hörverlust mit 1,1 Jahren, unbeabsichtigte Verletzungen, beispielsweise durch Stürze mit 0,9 Jahren, sowie weitere nicht übertragbare Krankheiten. Zusammen verantworten diese fünf Ursachengruppen 57,4 Prozent der weltweit ungesunden Jahre.

In Subsahara-Afrika sind vor allem Infektions- und Mangelkrankheiten, besonders Mangelernährung, Atemwegsinfektionen, Tuberkulose und Malaria, für eine hohe Morbiditätslücke verantwortlich.

Als wichtigste veränderbare Risikofaktoren identifizieren die Forschenden erhöhte Nüchternglukose, einen hohen Body-Mass-Index, kindliche und mütterliche Mangelernährung sowie Tabakkonsum. Auf feiner aufgelöster Ebene rückt Feinstaubluftverschmutzung an die Spitze.

Das Dilemma ergibt sich aus der Tatsache, dass das Zurückdrängen von Todesursachen durch Fortschritte in der Medizin zwangsläufig zusätzliche mit Behinderung gelebte Jahre nach sich zieht, wenn nicht gleichzeitig die Inzidenz, die Schwere oder die Dauer der verbleibenden chronischen Leiden sinken.

Daraus leiten die Forschenden eine klare Botschaft für Politik und Versorgung ab. Fortschritt im gesunden Altern lasse sich nicht mehr allein an sinkender Sterblichkeit messen. Künftige Gewinne hängen entscheidend von Prävention, der Reduktion von Krankheitsschwere, Rehabilitation, psychiatrischer Versorgung, chronischer Betreuung und dem gezielten Abbau modifizierbarer Risiken ab.

Die Autoren verweisen allerdings auch auf Limitationen ihrer Studie. Die Unsicherheitsintervalle einzelner Länder überlappen, sodass die Aussagen die Richtung des globalen Trends, nicht statistisch gesicherte Einzelwerte betreffen. Die HALE-Schätzungen beruhen auf Behinderungsgewichten. In datenarmen Regionen beruhen sie stärker auf Modellierungen.

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